In dem Fantasyklassiker Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien gibt es eine Passage, in der der gute Zauberer Gandalf den Palast eines Königs mit dem Namen Theoden betritt, der sich schon vor vielen Jahren aus dem Regierungsgeschäft zurückgezogen hat und auf seinem Thron vor sich hindämmert. Gandalf erläutert Theoden, dass die Zeit der Unentschlossenheit vorbei sei. Der König müsse sich entscheiden, ob er sich auf die Seite des Schattens oder des Lichts stelle, denn der große Krieg sei nah.

Theodens Ringen ist eine Schlüsselszene in der Erzählung. Nur mit seiner Unterstützung kann es Gandalf gelingen, den Oberbösewicht Sauron aus Mordor zu besiegen. Ich musste an diese Szene denken, als ich mich mit den Folgen des Debakels bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen beschäftigte. Denn es lassen sich einige Parallelen aufzeigen.

Nun soll hier nicht Björn Höcke mit Sauron verglichen werden. Mein Punkt ist ein anderer: Wie König Theoden auf seinem Thron trat das Land mit dem Einzug der Rechtspartei in den Bundestag in einen eigenartigen Zustand der Lähmung ein. Man wusste schließlich nicht, was von den Neuen zu erwarten sei. Vielleicht würden sie einen moderaten Kurs einschlagen, vielleicht würde sich die Partei von radikaleren Mitgliedern trennen und ihren Platz innerhalb des demokratischen Spektrums finden. Sollten die etablierten Parteien die Abgeordneten der AfD also einbinden? Oder sie ausgrenzen? Oder von beidem ein wenig?

Spätestens seit der Abstimmung in Erfurt ist die Maske gefallen. Die AfD hat sich nicht in Richtung Mitte bewegt, sie hat sich radikalisiert. Die Partei – oder zumindest ein Teil ihres nationalkonservativen Flügels – will keine andere Politik, sondern ein anderes Land. Diese Leute wollen die Demokratie nicht schützen, sie wollen sie zerstören.

Das Interessante an der Debatte der vergangenen Tage ist: Es sieht so aus, als würden sich die Deutschen dieser Gefahr bewusst. Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie sich so unterschiedliche Politiker wie Markus Söder, Angela Merkel und – mit Verspätung – Christian Lindner ganz klar von der AfD distanziert haben. Höcke wolle "nicht zurück in die Achtzigerjahre, sondern, wie ich befürchte, in die Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts", sagte Söder diese Woche der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Deshalb könne es "niemals eine Zusammenarbeit, Tolerierung oder Absprachen mit der AfD geben". Das war in dieser Deutlichkeit so bislang nicht zu hören.

So könnte es sein, dass paradoxerweise der Eklat von Thüringen eine längst überfällige Klärung der politischen Verhältnisse herbeiführt. Wer bundespolitische Verantwortung übernehmen will, wird sich zur Frage des Umgangs mit der AfD verhalten müssen. Das gilt auch für die sogenannte WerteUnion. Diese rechtskonservative Splittergruppe innerhalb der Union um den früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen wird sich entscheiden müssen, ob die Werte, die zu vertreten sie vorgibt, noch die Werte des Grundgesetzes sind.

Auch die Frage des angemessenen Umgangs mit der AfD wird vor diesem Hintergrund neu zu bewerten sein. Mit Rechten kann man reden, mit Rechtsradikalen nicht. Das entspricht der Philosophie einer "wehrhaften" Demokratie, wie sie in der Verfassung verankert ist. Sie geht zurück auf die historische Erkenntnis, dass nicht jeder demokratisch gewählte Politiker auch ein Demokrat ist. Demokratien können auf demokratischem Wege abgeschafft werden. Deshalb lässt Artikel 21 des Grundgesetzes zu, dass Parteien, "die die freiheitlich demokratische Grundordnung" beeinträchtigen oder beseitigen wollen, "verfassungswidrig" sind, um im Extremfall verboten werden können.

Inwieweit das auf die AfD insgesamt zutrifft, muss im Zweifel das Bundesverfassungsgericht entscheiden, und die Hürden für staatliche Eingriffe oder gar ein Verbot sind nicht ohne Grund hoch. Bei Teilen des rechtsnationalen Flügels sind Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit aber angebracht. Der Verfassungsschutz scheint diese Einschätzung zu teilen. Er überwacht inzwischen einzelne Abgeordnete in Bund und Ländern.

Keine Frage: Wie die Sache ausgeht, ist noch nicht klar. Wie standhaft die Politiker der etablierten Parteien sind, wird sich erst zeigen, wenn sie wie in Thüringen geschehen von der AfD in Versuchung geführt werden. Aber womöglich wird man im Rückblick einmal sagen können, dass das Wahldebakel die Demokratie gestärkt und nicht geschwächt hat. König Theoden entschied sich übrigens am Ende für Gandalf – und gegen Sauron.