Rücktritte sind dann besonders hart, wenn Menschen von der Bühne gehen, in die doch viele Hoffnung gesetzt hatten. Von Mike Mohring, dem Thüringer CDU-Chef und CDU-Fraktionsvorsitzenden, weiß man seit heute, dass er beide Jobs aufgibt, er zieht sich damit zurück aus der ersten Reihe der Politik. Und so unvermeidlich dieser Schritt war, so tragisch ist er auch.

Unvermeidlich war er, weil Mohring sich in den vergangenen Monaten in eine Lage taktiert hat, die nichts anderes mehr zuließ, als seiner Partei einen Neustart zu ermöglichen, mit neuem Personal. Weil er Fehler aneinandergereiht hat im Versuch, nach einer Wahlniederlage das Beste für sich (und, in Abstufung, seine Partei) herauszuschlagen. Am Ende stand ein Ministerpräsident Thomas Kemmerich von der FDP, gewählt gemeinsam von FDP, AfD – und Mike Mohrings CDU-Fraktion.

Bedauerlich ist der Schritt trotzdem, weil Mohring ein politisches Talent ist, das viele Voraussetzungen mitgebracht hat, die es braucht in diesem Geschäft (bis auf eine, zu der wir gleich noch kommen).

Ein Talent mit Erfahrung

Die Fähigkeiten, die Mohring hat, sind selten, denn er ist in Kombination redegewandt, nahbar, eloquent. Er ist in der Lage, Menschen für sich einzunehmen, und in der an interessanten Figuren nicht überreichen ostdeutschen CDU war er immer jemand, von dem man dachte: Der könnte nicht nur die Ostdeutschen erreichen. Sondern auch einer sein, der dem Westen den Osten nahebringen kann. Und was benötigt man in diesen Zeiten der Ost-West-Entfremdung mehr? Ein Talent seiner Generation, zumal jung, noch keine 50 Jahre alt, aber schon mit der Erfahrung von tausend geschlagenen Schlachten.

So kam Mohring auch in der Bundes-CDU in den vergangenen Jahren in eine besondere Rolle. Er gehörte als Präsidiumsmitglied zu den Wenigen, die in Berlin Gehör fanden, wenn sich wieder alle fragten, warum diese Ossis so komisch wählen, so komisch ticken, so komische Dinge tun. Mohring konnte immer erklären, warum diese Ossis überhaupt nicht komisch sind, sondern halt anders. Warum eine politische Befindlichkeit nicht per se blöd ist, nur weil sie abweicht von westdeutscher Normalität. Er hat immer erklärt, warum Politik für Ostdeutschland bedeutet, dem Westen an die Privilegien zu gehen. Mohring kämpfte für den Osten und für Thüringen und er machte das eher charmant und eher elegant. Er war kein Ossi, der schimpft und jammert, sondern er wurde: der ostdeutsche Politiker, dem man gerne Zugeständnisse macht.

Es gab aber stets eine Schwäche bei alledem, die manche in der eigenen Partei und außerhalb davon ihm anlasteten, und die die Stärken überdeckte. Mohring ist enorm ehrgeizig, er versteht Politik auch als Spiel, und allzu oft versuchte er, seine Ziele in einer Mischung aus politischem Schach und eiserner Härte zu erreichen. Das wirkte auf einige (auch einige, die ihm nahestanden), als gehe es gar nicht um Inhalte, wie man so schön sagt, sondern um: Karriere und die besten Startplätze im täglichen Rennen um Aufmerksamkeit, Sendeplätze und Anerkennung. Manche fanden es sogar kalt.

Dass im Herbst die Thüringer Landtagswahl für Mohrings CDU nicht gut ausging, war dabei weniger sein Fehler, als viele das glauben. Er ist unter die Räder geraten, unter die auch alle drei anderen Oppositionsparteien in den ostdeutschen Wahlländern von 2019 gerieten. Der große Kampf um Platz eins fand statt zwischen Ministerpräsidenten-Partei und AfD, weshalb in Sachsen Linke und SPD untergingen, und in Brandenburg und Thüringen die CDU abschmierte.

Mohring aber war in einem besonderen Dilemma. Das Thüringer Wahlergebnis sorgte dafür, dass seine Partei einerseits systemrelevant war, ihm andererseits aber verboten war, damit angemessen umzugehen: Es gibt im aktuellen Thüringer Landtag keine Mehrheit ohne CDU. Aber eine Mehrheit mit der CDU gäbe es nur, wenn diese CDU entweder mit den Linken oder mit der AfD kooperiert. Beides ist dem Thüringer Landesverband, per Bundesbeschlusslage der Union, verboten. Und damit begann Mohrings Fehlerkette.