Es dauert ein bisschen länger an diesem Montag, bis Annegret Kramp-Karrenbauer sich der Öffentlichkeit zeigt. Eine Dreiviertelstunde später als angekündigt tritt die CDU-Vorsitzende im blauen Hosenanzug an ihr Pult im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses und bestätigt, was die Nachrichtenagenturen Stunden vorher vermeldet haben: Sie gibt nicht nur ihre Ambitionen auf eine Kanzlerkandidatur auf, sondern will auch – wenngleich erst Ende des Jahres – den Parteivorsitz abgeben. 

Sie werde nun das tun, was sie schon als Generalsekretärin angekündigt habe, nämlich sich in den Dienst der Partei stellen, sagt Kramp-Karrenbauer in einem nüchternen, nur wenige Minuten dauernden Statement. Der beste Dienst aber, den sie ihrer Partei derzeit noch erweisen kann, scheint ihr eigener Rückzug zu sein. Drei Fragen dürfen noch gestellt werden. Dann verschwindet die Noch-Vorsitzende wieder. Nur ein Jahr und zwei Monate ist es her, dass Kramp-Karrenbauer in Hamburg in dieses Amt gewählt wurde. Sie sollte die zerstrittene CDU wieder einen und versöhnen. Nun muss sie einräumen, an dieser Aufgabe gescheitert zu sein. 

Dass es so gekommen ist, ist eine große Enttäuschung auch für die CDU. Denn es gab durchaus eine Zeit, in der Kramp-Karrenbauer als Hoffnungsträgerin ihrer Partei galt.

Ihr Ruhm geht vor allem auf das Jahr 2017 zurück. Damals schaffte sie es, mit einem engagierten Wahlkampf den fast schon sicheren Sieg von Rot-Rot im Saarland zu verhindern. Die CDU erhielt mit 40,7 Prozent ein Ergebnis wie in alten Zeiten. Der sogenannte Schulzzug des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten war gestoppt. Dass Kramp-Karrenbauer Anfang 2018 dann dennoch bereit war, das so hart verteidigte Ministerpräsidentenamt wieder aufzugeben, um CDU-Generalsekretärin zu werden, brachte ihr in der CDU viel Sympathie und hohe Anerkennung ein. Die Partei dankte es ihr mit dem besten Ergebnis, das je ein CDU-Generalsekretär erreichte.

CDU - Annegret Kramp-Karrenbauer tritt zurück Die CDU-Parteivorsitzende hatte am Montag ihren Rückzug von der Parteispitze angekündigt. In Teilen der WerteUnion gäbe es keine klare Abgrenzung zur AfD. © Foto: Reuters TV

Bodenständig, konservativ, risikofreudig

Kramp-Karrenbauer schien vieles auszuzeichnen, woran es in der ausgelaugten und nach den Jahren der Flüchtlingskrise tief gespaltenen Merkel-CDU fehlte: Bodenständigkeit zum Beispiel, die sie nicht zuletzt mit ihren Faschingsauftritten als Putzfrau Gretel unter Beweis stellte. Oder die Bereitschaft, dem rechten Flügel der Partei entgegenzukommen, sei es mit einem härteren Kurs in der Flüchtlingspolitik oder ihrer offen zur Schau gestellten Ablehnung der Ehe für alle. Verheiratet, katholisch, Mutter dreier Kinder, westdeutsch – auch rein biografisch passte Kramp-Karrenbauer besser zu ihrer Partei als die ostdeutsche Pastorentochter.

Und sie hatte – auch das an sich keine schlechte Voraussetzung für eine erfolgreiche Parteichefin und potenzielle Kanzlerin – immer wieder gezeigt, dass sie entscheidungsfreudig ist, ja sogar risikobereit. Das war schon so, als sie 2012 die Jamaika-Koalition im Saarland aufkündigte – ohne die Zustimmung Merkels übrigens – und auf eine Neuwahl setzte. Es blieb so, als sie sich im vergangenen Jahr zusätzlich zum Amt der Parteichefin auch noch das der Verteidigungsministerin zutraute, um so ihre Ausgangsposition für die Kanzlerkandidatur zu verbessern. Und es zeigte sich erneut, als sie auf dem Parteitag 2019 ihrer Partei ein Ultimatum stellte: Wenn ihr meinen Kurs nicht unterstützt, dann lasst es uns hier und heute beenden. 

Selbst den Vorbehalt, sie könne nicht mitreißend reden, konnte Kramp-Karrenbauer zumindest teilweise entkräften: Dass sie sich im Kampf um den Parteivorsitz überhaupt gegen ihren Konkurrenten Friedrich Merz durchsetzen konnte, lag auch daran, dass sie auf dem Parteitag 2018 eindeutig die bessere Rede hielt.

Mangelndes politisches Gespür

Und anfangs lief es ja auch gar nicht schlecht für sie. Bereits als Generalsekretärin hatte sie eine Zuhörtour gestartet, um die geschundene Parteiseele zu beruhigen. In der CDU kam das durchaus an, denn nach all den Reformen unter Merkel – von neuer Familienpolitik über Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Zuzug der vielen Flüchtlinge – war der Redebedarf groß. Dabei bemühte sich Kramp-Karrenbauer nach ihrer Wahl zur Parteichefin verständlicherweise zunächst um jene, die ihr skeptisch gegenübergestanden hatten, den konservativen Flügel also. Vorsichtig revidierte sie Merkels Flüchtlingspolitik, indem sie eine Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze nicht mehr generell ausschließen wollte.

Dass die CSU nach dem für sie verheerenden Landtagswahlergebnis 2018 ebenfalls um Aussöhnung bemüht war, kam Kramp-Karrenbauer zusätzlich entgegen. Der zermürbende Streit zwischen den Schwesterparteien, der beide seit dem Flüchtlingsjahr 2015 belastet hatte, schien beendet. Bei gemeinsamen Auftritten zelebrierten der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und die CDU-Chefin die neue Einigkeit.

Dann allerdings häuften sich die Fehler und die Krisen. Es begann mit einem missratenen Faschingswitz, später die Kommunikationspannen nach dem Frontalangriff des YouTubers Rezo auf die CDU, das miserable Europawahlergebnis, das dann noch getoppt wurde durch das schlechte Abschneiden der CDU bei den Landtagswahlen im Osten im vergangenen Jahr – mit der einen Ausnahme von Sachsen.