An den Gedanken, dass im Erfurter Landtag ein Ministerpräsident denkbar knapp gewählt wird und dann ohne parlamentarische Mehrheit regiert, hatte man sich fast gewöhnt. Um halb zwei kommt dann doch alles anders. Nicht Bodo Ramelow, nein, Thomas Kemmerich, Landes- und Fraktionschef der Thüringer FDP, wird im dritten Wahlgang mit einer Stimme Vorsprung zum Ministerpräsidenten gewählt. Er ist der erste Ministerpräsident dieser Partei seit Reinhold Maier in den Fünfzigerjahren in Baden-Württemberg. 

Kemmerich ist der erste Ministerpräsident, der von der kleinsten im Landtag vertretenen Fraktionen gestellt wird – eine Fraktion, die bei der Wahl im Oktober mit gerade mal 73 Stimmen über die Fünf-Prozent-Hürde kam. Ein Ministerpräsident ohne Kabinett, ohne Koalitionsvertrag, ohne Regierungsprogramm. Aber vor allem: Kemmerich ist der erste Ministerpräsident, der mit den Stimmen der AfD gewählt wird.

Die alten politischen Gewissheiten, tradiert und eingeübt in 70 Jahren Bundesrepublik, sie lösen sich im Minutentakt auf an diesem Mittwochmittag in Erfurt. Willkommen im Demokratielabor Thüringen, wo es kracht, zischt und stinkt – wo neue politische Verbindungen gemischt werden und hochbrisante Koalitionen entstehen. "Dammbruch", stammeln Linke, Grüne und Sozialdemokraten fassungslos in Kameras und Mikrofone.

"Ich bin Anti-AfD"

Schon der Moment der Wahl ist symbolisch: Statt Jubel ein Schockmoment im holzgetäfelten Plenarsaal. Kemmerich selbst wirkt paralysiert, wie ein Reh, das zu lang ins Fernlicht geschaut hat. Brüchig klingt seine Stimme, als er sich zu seinem Tischmikrofon runterbeugt und auf die Frage der Landtagspräsidentin antwortet: "Ja, ich nehme die Wahl an." Auf die Idee, Wahlkampf um die Staatskanzlei zu führen, wäre er sicher nie gekommen.

Thüringen - "Ich bin anti-AfD, ich bin anti-Höcke" Der FDP-Politiker Thomas Kemmerich reagiert auf Kritik zu seiner Wahl zum thüringischen Ministerpräsidenten. Er bezeichnet sich als erbitterten Gegner der AfD-Politik. © Foto: GettyImages

Ganz rechts außen ist die AfD die erste Fraktion, die sich zum Jubel erhebt. Alle anderen müssen sich noch sammeln und verstehen, was da gerade vorgefallen ist, welches Spiel Björn Höcke und die seinen da gerade mit ihnen getrieben haben: Kühl und kalkuliert hat die AfD die anderen Parteien vorgeführt.

Thüringen: Sitzverteilung im Landtag

Sie hatte für die ersten Wahlgänge einen eigenen Zähl-Kandidaten aufgestellt, den parteilosen Bürgermeister eines 350-Seelenorts, Christoph Kindervater. Als nach zwei Wahlgängen immer noch keine Mehrheit für Bodo Ramelow und sein Projekt einer rot-rot-grünen Minderheitsregierung steht, lässt die AfD die Falle zuschnappen. Die FDP hatte angekündigt, für den Fall, dass es im letzten Wahlgang einen AfD-Gegenkandidaten gibt, Kemmerich aufzustellen. Die CDU hatte ihrerseits gesagt: Sollte die FDP Kemmerich aufstellen, wählen wir den. Die AfD konnte also ausrechnen: Zusammen haben die drei Parteien eine Mehrheit im Landtag. Also lässt sie ihren eigenen Kandidaten geschlossen durchfallen – und stimmt für Kemmerich. Suchte die AfD jahrelang einen Weg in die so genannte politische Mitte, haben CDU und FDP ihr den aufgezeigt. 

Thüringen - Schock bei der Linken, Freude bei der AfD In Thüringen ist überraschend Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Das Video zeigt Ausschnitte aus dem Landtag zur Verkündung des Wahlergebnisses.

Unfall oder Kalkül?

Ein parteitaktischer Unfall? Oder Kalkül? Wie konnte das nur passieren und vor allem: Wie soll das jetzt weitergehen? Kemmerich, geboren 1965 in Aachen, Mitglied im Liberalen Mittelstand und zwei Jahre lang Bundestagsabgeordneter, ist keiner, der in der FDP mit sonderlicher Sympathie für die AfD aufgefallen wäre. Im Gegenteil. Im Wahlkampf verspottete er die Rechtspopulisten, ließ seinen kahlen Kopf auf Großplakate drucken: "Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat."

Zwei Stunden später, seine erste Regierungserklärung. Die Stimmung ist feindselig. Kemmerich setzt an. "Es geht um Thüringen." Schon wird er von höhnischem Gelächter unterbrochen. Er kann kaum einen Satz beenden, ohne dass Linke und Grüne schimpfen. Tumulte.  "Scheinheilig hoch zehn", brüllt es. "Scharlatan." Die Landtagspräsidentin verteilt Ordnungsrufe.

Kemmerich dankt seinem Vorgänger. Aber Bodo Ramelow hat das Gebäude da schon längst verlassen. Kemmerich spricht von Brandmauern gegen die Extreme. "Ich bin Anti-AfD, ich bin Anti-Höcke." Er kündigt an, dass er mit CDU, SPD und Grünen zusammenarbeiten will. Eine Koalition mit der AfD schließt er aus. Nach wenigen Minuten beantragt er, die Sitzung zu vertagen. Der Landtag stimmt zu. Mit den Stimmen von AfD, CDU und FDP. Gegen SPD, Grüne und Linke.