Mike Mohring hat einen letzten kleinen Sieg errungen. Das CDU-Präsidium, eilig von Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer zu einer Sondersitzung am Freitagmorgen einberufen, ist von seiner ursprünglichen Forderung abgerückt, in Thüringen so bald wie möglich neu zu wählen.

Das wollte vor allem die Landtagsfraktion in Erfurt verhindern, wo Mohring zu dem Zeitpunkt offiziell noch der Chef ist. Kurz nach der Sitzung melden die 20 Abgeordneten, sie werden ihn im Mai abwählen. Die Karriere des CDU-Landeschefs und Vorsitzenden der Thüringer Landtagsfraktion, der mal als eines der Talente der Partei gegolten hat, ist damit vorerst zu Ende.

Aber eine Neuwahl gegen den Willen der Thüringer CDU-Abgeordneten gibt es eben auch nicht. In Berlin ist das CDU-Präsidium zwar nach wie vor der Meinung, dass das der klarste Weg wäre, die Situation in Thüringen aufzulösen. Aber Linke, Grüne und SPD, deren Stimmen man bräuchte, um den Landtag aufzulösen, würden da nicht mitmachen, argumentiert Kramp-Karrenbauer. Zur Wahrheit gehört wohl auch: Sie kann die Thüringer schlicht nicht dazu zwingen, für eine Auflösung des Landtags zu stimmen. Die Abgeordneten sind unabhängig und in der Führung ihres Mandats frei.

Um die Thüringer Krise zu managen, zeigt Kramp-Karrenbauer zwei Optionen auf.

Die CDU erwarte jetzt von der SPD und den Grünen einen Kandidaten oder eine Kandidatin für eine erneute Ministerpräsidentenwahl im Landtag. Weder der Linke Bodo Ramelow noch der unglückliche FDP-Mann Thomas Kemmerich, sondern eine neue, allgemein respektierte Persönlichkeit soll künftig Ministerpräsidentin oder Ministerpräsident von Thüringen sein. Das wäre der CDU am liebsten. Ein SPD-Kandidat stellt sich im Landtag zur Wahl, gewinnt und regiert dann in einer Minderheitsregierung immer mal wieder mit Stimmen der CDU. Eine "Operation Mitte" fordert zum Beispiel Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: "SPD und Grüne sind aufgefordert, ihrer Verantwortung gerecht zu werden."

Klingt einfach, ist aber eher eine Verzweiflungstat. Die CDU hat keinerlei Verhandlungsmasse. Warum sollte sich das rot-rot-grüne Minderheitsbündnis in Erfurt von der CDU diktieren lassen, was es zu tun hat? SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee twitterte prompt vom "untauglichen Versuch", Rot-Rot-Grün zu spalten. Er plädiert für eine Neuwahl. So wird das auch die SPD-Spitze in Berlin sehen. Am Samstag treffen sich die Spitzen von CDU, CSU und SPD zum Koalitionsgipfel – wo es auch um Thüringen gehen wird.

Kramp-Karrenbauer hat genau für diesen Fall vorgebaut und spricht eine zweite Option an: Sollte Rot-Rot-Grün erneut Bodo Ramelow – oder einen anderen Kandidaten der Linken – aufstellen, würde der zwar keine Stimme von der CDU bekommen – könne sich aber darauf verlassen, dass die CDU sich diesmal enthält und bei 22 Projekten "konstruktiv" mitarbeitet.

Zwei Stunden hatte das Präsidium, der engste Führungskreis der CDU, am Freitag getagt. Es gab viele Wortmeldungen. Zuletzt waren Kramp-Karrenbauer in Thüringen immer wieder deutlich die Grenzen ihrer Durchsetzungsfähigkeit aufgezeigt worden. Zumindest im Präsidium, so wirkt es, kann sie auf viel Unterstützung bauen. Dass Tilman Kuban, Chef der Jungen Union, und Carsten Linnemann, Chef der Mittelstandsvereinigung, sich zuletzt offen gegen das Adenauer-Haus gestellt und etwa eine Expertenregierung gefordert hatten – ein  Vorschlag, der so ähnlich schon von Björn Höcke kam, wurde einhellig verurteilt.

Thüringen - "Wir erwarten einen Kandidaten, der nicht spaltet" CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer fordert eine schnelle Stabilisierung der Lage in Thüringen. Neuwahlen seien dafür der klarste Weg. © Foto: GettyImages

Mohring entglitt die Kontrolle

Nach Informationen von ZEIT ONLINE kritisiert das Präsidium vor allem Mohring hart für das Chaos der letzten Wochen. Ein CDU-Landesvorsitzender sagte: "Offenbar hat Mike Mohring seinen Laden nicht im Griff." Das stimmt.

Mohring erklärte das, was da die letzten Tage im Tollhaus Thüringen vorgefallen war, am Freitagmorgen übrigens noch so: Erstens sei an der Basis in Thüringen die Wahl des FDP-Manns Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD sehr populär gewesen, es habe "riesig große Zustimmung" gegeben. Nur von der Hauptstadt aus betrachtet werde manches anders bewertet.