Wie viel Zerstörung passt in 24 Stunden? Offensichtlich jede Menge. Denn was Thüringen erlebt hat seit jenem Moment, in dem Thomas Kemmerich mit Stimmen von CDU und AfD zum FDP-Ministerpräsidenten dieses Bundeslandes gewählt wurde, ist teils grotesk, teils unglaublich. In jedem Fall geht es an die Substanz der Demokratie.

Natürlich ist es richtig, dass Kemmerich jetzt sein Amt zur Verfügung stellt – auch wenn um den Modus seines Rückzugs gleich wieder erbarmungslos gestritten wird. Aber sein Amtsverzicht kann nicht einfach heilen, was hier kaputtgegangen ist. Der politische Betrieb steht, so schaut es nicht nur für viele Thüringer Wähler aus, als Hau-und-Stech-Gesellschaft da, als tendenziell prinzipienlos und allzeit zur Missgunst bereit. Das ist ein besonders großes Problem in einer Zeit, in der viele Menschen denen ohnehin nicht mehr trauen, die sie vertreten sollen. Alle sind beschädigt, niemand kommt hier unverletzt raus.

Schwache Parteichefinnen

Da ist die CDU, von der jetzt manche Bürgerinnen und Bürger vermuten, dass man sich auf ihre Abgrenzung zur AfD nicht mehr verlassen könne, denn im Zweifel, so der Eindruck, stimme sie doch mit den Rechtspopulisten. Wer in der Union soll diesen Ruf jetzt korrigieren? Die Spitzenleute der Partei, auf Landes- wie auf Bundesebene, sind schwerst angeschlagen: Mike Mohring, der Thüringer Fraktionschef, steht als politischer Hallodri da, der im Zweifel vor nichts zurückzuckt, nicht einmal davor, einen Ministerpräsidenten von Gnaden der AfD mitzuwählen. Annegret Kramp-Karrenbauer, die Bundesvorsitzende, steht als Frau da, die ihren Laden nicht im Griff hat, wie viel sie auch redet, nichts geschieht. Dass die Kanzlerin sich zu Wort melden musste, und zwar deftig ("unverzeihlich"), das muss Kramp-Karrenbauer als Misstrauensvotum gegen sich selbst werten.

Man kann das für alle Parteien durchdeklinieren. Die FDP ist jetzt jene Fraktion, mit der auf ewige Zeiten ein Tabubruch verbunden sein wird. Das Foto von Thomas Kemmerich, dem AfD-Frontmann Björn Höcke die Hand schüttelt, ist schon jetzt Teil des politischen Gedächtnisses. Dass Bundesparteichef Christian Lindner nach Erfurt reisen musste, um diesem Kemmerich zu erklären, wie unausweichlich ein Rücktritt ist – und dass zudem Lindner dem Vernehmen nach mit seinem eigenen Rücktritt drohen musste, um Kemmerich zu überzeugen – zeigt: Lindner ist in seiner Truppe auch nicht viel mächtiger als Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer.

Thüringen - "Ein 'Weiter so' kann es da nicht geben" Christian Lindner begrüßt die Rücktrittsentscheidung von Thüringens Ministerpräsidenten Kemmerich. Der FDP-Chef will seinem Parteivorstand die Vertrauensfrage stellen. © Foto: GettyImages

Beschädigt sind, nur der Vollständigkeit halber, auch Linke, SPD und Grüne. Drei Parteien, die in eine Ministerpräsidenten-Wahl gezogen sind, wohl wissend, dass sie keine sichere Mehrheit haben. Wohl wissend, dass es Konstellationen geben könnte, in denen eine Mehrheit gegen sie – und mit der AfD – zustande kommen kann. Wer so kalkuliert, aber dann verliert, der muss sich zumindest Fahrlässigkeit vorwerfen lassen.