Lockdown, beinahe jedenfalls. Die Bundesregierung und die Länder haben einen Großteil der schärfsten Maßnahmen in Kraft gesetzt, die dem Staat zur Verfügung stehen. Alles, was nicht lebensnotwendig für die Versorgung der Bevölkerung ist – Lebensmittelhandel, Supermärkte, Apotheken etwa – muss schließen. Spielplätze, Kinos, Museen, Buchhandlungen, alles wird dicht gemacht. Restaurants dürfen nur noch tagsüber öffnen. Deutschland vollzieht eine Vollbremsung. Damit tritt genau das ein, was wir einigermassen fassungslos bereits in Italien vorgeführt bekommen haben.

Ist das übertrieben? Gerät hier eine Regierung in den Panikmodus? Schließlich hat Deutschland mit seinen insgesamt 83 Millionen Einwohnern bislang lediglich rund 7.000 Infizierte und 14 Todesfälle zu verzeichnen. Kann man das, was Bundeskanzlerin Angela Merkel an Maßnahmen verkündet hat, als Hysterie einer hilflosen Exekutive abtun? 

Nein, das kann man nicht. Es kann sein, dass wir hinterher, in Wochen, in Monaten oder Jahren, schlauer sind. Doch der Staat musste jetzt handeln, und hätte es vielleicht sogar früher und entschiedener tun sollen. Dieses Virus fliegt nicht durch die Luft. Es wird nur dort von Mensch zu Mensch weitergegeben, wo sich Menschen sammeln. "Two is a company, three is a crowd", sagen die Amerikaner. Letzeres – Gruppen von einander fremden Menschen – können wir uns nun nur noch so wenig wie irgend möglich leisten. 

Die Pandemie ist eine Botschaft an die globalisierte Menschheit

Es geht nicht darum, die Gesamtzahl der künftigen Infektionen zu verringern. Das Virus wird in jedem Fall einen Großteil der Menschen treffen. Doch wenn die Covid-19-Welle in nur wenigen Wochen oder Monaten viele Millionen Bundesbürger erfasst, hätte das katastrophale Folgen. Auch wenn die allermeisten Infizierten nur leicht erkranken, viele womöglich keine wirklich spürbaren Symptome entwickeln – unter der schieren Zahl der Schwerkranken oder intensivmedizinisch zu versorgenden Patienten würden unsere Kliniken in die Knie gehen. Kein Gesundheitssystem der Welt kann so etwas stemmen. Dem Kollaps der medizinischen Versorgung würde vermutlich auch ein noch stärkerer Einbruch der Wirtschaft folgen, gegen den wären die jetzigen Probleme geradezu nichtig. Extreme Krankenstände, Ausfall von entscheidendem Fachpersonal, Zusammenbruch der Lieferketten: Die Folgen eines Nicht-Handelns können weitaus dramatischer, viel teurer und vielleicht nur langfristig reparabel sein.

Es muss daher höchste Priorität haben, die Welle der Infektionen so flach wie irgend möglich zu halten, sie über einen längeren Zeitraum zu verteilen. Nur dann kann die Pandemie kanalisiert und beherrscht werden. In etwa 14 Tagen werden wir wissen, ob es reicht, das öffentliche Leben im Land herunter zu fahren. Oder ob wir gezwungen sein werden, ähnlich radikal zu handeln, wie China es vorgemacht hat. Mit Ausgangssperren, mit stillgelegten U-Bahnen und Buslinien. In Wuhan stand der öffentliche Nahverkehr komplett still, eine Region mit rund 50 Millionen Bewohnern wurde abgeriegelt.

Immerhin – dort hatte man Erfolg. In China ist Covid-19 unter Kontrolle, auch wenn es noch immer einzelne Infektionen gibt.

Doch diese Pandemie ist auch eine Botschaft an die globalisierte Menschheit. Wissenschaftler haben längst eine ganze Reihe potentiell gefährlicher Corona-Viren identifiziert, die in ihren Wirten, verschiedenen Fledermausarten, zirkulieren. Auch die moderne Medizin, all unsere bisherigen Sicherungs- und Frühwarnsysteme haben gegen diese Pandemie wenig ausgerichtet. Bei Coronaviren bekommen wir nun die dritte Warnung der Natur: der Sars-Erreger tötete 2003 fast zehn Prozent der Infizierten, der Mers-Erreger 2012 etwa ein Drittel.

Dieses Mal ist das Virus weniger tödlich, aber viel ansteckender. Auch wenn die Maßnahmen der Regierung jetzt greifen, kann es damit nicht sein Bewenden haben. Sicher ist: Nach Covid-19 ist vor Covid-X.