Angela Merkel appelliert an die Vernunft der Deutschen, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von "Krieg" gegen Corona: Wie kommunizieren Politiker erfolgreich in Krisen? Professor Carsten Reinemann, Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität München, gibt Antworten.

ZEIT ONLINE: Herr Reinemann, Angela Merkel hat am Mittwochabend eine Fernsehansprache zur Corona-Krise gehalten. Was hat Sie daran als Kommunikationswissenschaftler am meisten überrascht? 

Carsten Reinemann: Dass sie die Ansprache überhaupt gemacht hat, deren Länge und die Eindringlichkeit, mit der sie an die Menschen appelliert hat. Das war für Merkel wirklich ungewöhnlich.

ZEIT ONLINE: Angela Merkel hat eine Ausgangssperre als letztes Mittel nur angedeutet, als sie sagte, sie werde "stets neu prüfen (...), was womöglich noch nötig ist". Bayerns Ministerpräsident Markus Söder droht nun für Bayern offen damit. Kommuniziert er besser, weil klarer, in dieser Situation?

Reinemann: Ja, in dieser Situation schon. Sicher sind Abwägen und Moderation Merkels Markenzeichen, aber offenbar ist der Ernst der Lage bei so manchem noch nicht angekommen, sodass ich es auch für richtig halte, den Menschen die möglichen Konsequenzen ausbleibender Verhaltensänderungen sehr klar und eindeutig zu vermitteln. Dafür muss man den Begriff der Ausgangssperre ja nicht mal verwenden.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie insgesamt die Krisenkommunikation der Bundesregierung bewerten?

Carsten Reinemann: Jetzt schon abschließende Noten zu verteilen ist schwierig. Gut finde ich, dass die Verantwortung früh personalisiert wurde. Jens Spahn hat regelmäßig mit den Experten vom Robert Koch-Institut informiert, seit es richtig ernst wurde, hat Angela Merkel übernommen. Alle Beteiligten tragen ruhig vor und geben Wissenslücken und Unsicherheiten zu. Zum Beispiel, wenn die Experten nicht die Dunkelziffer der Infizierten wissen oder gar nicht wirklich prognostizieren können, wie sich die Situation entwickelt. Aber klar ist: Diese Situation ist auch für die Politiker neu. 

ZEIT ONLINE: Über die richtige Krisenkommunikation wurden viele Bücher geschrieben. Die bekannten Mechanismen lassen sich hier nicht anwenden?

Reinemann: Die Krisenkommunikation von Firmen sicher nicht, denn diese legt den Schwerpunkt darauf, den eigenen Ruf zu retten. Diese Krise ist anders als beispielsweise die politische Herausforderung nach den islamistischen Terroranschlägen vor ein paar Jahren. Auch die haben die Bevölkerung sehr verunsichert, aber meist für einen kurzen Zeitraum. Dieser Verunsicherung konnte begegnet werden durch mehr Polizeipräsenz und Sicherheitskontrollen. Wie geht es aber weiter mit dem Coronavirus, das noch dazu unsichtbar ist? Diese Prognose fällt leider auch den Wissenschaftlern schwer. 

In Krisensituationen werden Fehler gemacht.

ZEIT ONLINE: Am vergangenen Wochenende gab es das Gerücht, dass die Bundesregierung bald eine "massive weitere Einschränkung des öffentlichen Lebens" verkünden würde. Das wurde vom Bundesgesundheitsministerium auf Twitter als Fake-News bezeichnet – einen Tag später war es mit den Schließungen der meisten Geschäfte aber so weit. Erschüttert so ein Vorgang nicht das Vertrauen in die Kommunikation der öffentlichen Stellen? 

Reinemann: Das ist natürlich nicht gut, auch nicht, wenn es zuerst heißt: "Schulschließungen sind nicht nötig" und dann kommen sie doch. Aber es zeigt eben auch, unter welchen extremen Anforderungen die Politiker und die Wissenschaftler gerade arbeiten. Sie bekommen jeden Tag neue Erkenntnisse, denn die Forscher kommen nur schrittweise voran. In Krisensituationen werden Fehler gemacht. Aber es ist doch gerade ein Qualitätsmerkmal von Demokratien, wenn sich Politiker in ihren Einschätzungen dann auch mal korrigieren. Wenn Überlegungen zu weitreichenden Maßnahmen – zum Beispiel, wenn es um die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Deutschen geht – nicht sofort kommuniziert, sondern erst mal intern besprochen und durchdacht werden, habe ich dafür Verständnis. Viele Menschen sind ja jetzt schon sehr ängstlich, es gibt Hamsterkäufe und gute Politik bedeutet eben auch, die Menschen nicht zu überfordern. 

ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung soll also nicht absolut transparent informieren?

Reinemann: Doch, wenn es um das Virus, die Ansteckungsgefahr und die Gefahr für jeden Einzelnen von uns sowie Präventionsmaßnahmen geht. Da darf nichts zurückgehalten werden. Es gibt ja nicht nur die besorgten Bürgerinnen und Bürger. Einige hat ja offenbar noch gar nicht erreicht, wie dramatisch es ist, wenn man zum Beispiel an die Corona-Partys bei Jugendlichen denkt. Wir müssen aber nicht alle Krisenszenarien kennen, die die Bundesregierung und die Bundesländer jetzt sicher ausarbeiten, die verschiedenen Möglichkeiten und Optionen, die sie durchspielen. All das gehört meiner Meinung nach erst in die Öffentlichkeit, wenn etwas auch wirklich umgesetzt wird.

ZEIT ONLINE: Das erinnert mich an einen Satz des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière:  "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern". Als er das in den Hochzeiten der Terrorgefahr sagte, wurde er viel kritisiert. Sie denken, er hatte recht? 

Reinemann: Seine Aussage war natürlich in diesem Moment kontraproduktiv, denn das hat die Leute noch viel mehr aufgeschreckt. Aber absolute Transparenz ist nicht immer richtig: Die Verantwortung von Entscheidungsträgern liegt auch darin, Panikreaktionen zu vermeiden, wenn sie zu vermeiden sind. Denn Panik führt in Krisensituationen zu weiteren Problemen, etwa wenn die Menschen plötzlich zu große Summen Bargeld abheben. Da muss man abwägen. Ich finde, in der Corona-Krise wird bisher ein guter Mittelweg gefahren. Kritik an den Maßnahmen der Politik ist übrigens nie verboten, die kann jeder äußern. Das passiert ja auch: Zwischen den Bundesländern und Berlin gab es da nicht immer künstliche Einigkeit.  Aber kleinliche Nickeleien werden unterlassen und das ist gut.