Der umstrittene Publizist Roland Tichy gibt nach Sexismusvorwürfen den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab. Er werde sich bei der Mitgliederversammlung am 30. Oktober – dem Ende seiner turnusgemäßen Amtszeit – nicht zur Wiederwahl stellen, teilte der Vorstand der Stiftung in einem Schreiben an die Mitglieder mit. Nach Angaben des Stiftungsvorstands wollen sich auch der stellvertretende Vorsitzende Oswald Metzger sowie der Schatzmeister Alexander Tesche nicht zur Wiederwahl stellen. Gründe wurden in dem Schreiben nicht genannt.

Vorangegangen war dem Schreiben breite Kritik an einem frauenverachtenden Beitrag in einer aktuellen Ausgabe des Magazins Tichys Einblick über die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli. Zunächst hatte die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär (CSU), ihre Mitgliedschaft in der Stiftung aus Protest gekündigt. "Grund für diese Entscheidung ist eine Publikation in dem Magazin Tichys Einblick, die frauenverachtende und in höchstem Ausmaß sexistische Äußerungen gegenüber meiner Kollegin Sawsan Chebli enthält", sagte Bär dem Handelsblatt.

Zudem kündigten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sowie der Vorsitzende der Mittelstandsunion Carsten Linnemann an, mit sofortiger Wirkung ihre Mitgliedschaft in der Ludwig-Erhard-Stiftung ruhen zu lassen. "Die Ludwig-Erhard-Stiftung ist eine Institution mit langer Tradition und dem Erbe des Namensgebers verpflichtet. Leider ist seit geraumer Zeit eine Debattenkultur von führenden Vertretern der Stiftung festzustellen, die dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Das schadet dem Ansehen Ludwig Erhards", heißt es in ihrer Begründung.

Kritik auch von Bundesbank-Präsident Weidmann

Kritik an Tichy äußerte nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der ebenfalls Mitglied der Stiftung ist, allerdings nicht in seiner Funktion als Bankpräsident. In einem Schreiben an die anderen Mitglieder der Stiftung argumentiert Weidmann demnach: "Als Mitglied schätze ich die Stiftung, weil sie der Fortentwicklung marktwirtschaftlichen und freiheitlich-demokratischen Denkens eine Plattform bietet. Ein Ziel, das gerade in der heutigen Zeit in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Dazu gehört aus meiner Sicht ein Debattenklima gegenseitigen Respekts, nicht nur innerhalb der Stiftung, sondern auch darüber hinaus." Auch das Handelsblatt zitiert aus dem Brief.

Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz, hatte bereits 2018 den Ludwig-Erhard-Preis abgelehnt. Wie das Handelsblatt damals unter Berufung auf Einschätzungen von Jury-Mitgliedern berichtete, war ein Grund, dass er bei der Verleihung mit Tichy zusammen auf der Bühne stehen sollte. Er twitterte zu Tichys Rückzug: "Die einzig richtige Entscheidung."

Tichy war von 2007 bis 2014 Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Der frühere Wirtschaftsminister und Kanzler Ludwig Erhard gründete die Stiftung 1967. Sie sollte die Idee der sozialen Marktwirtschaft unter anderem durch Veranstaltungen verbreiten und stützen.