Hendrik Hoppenstedt hat keine Zeit. Der CDU-Politiker eilt durch das große Büro im Kanzleramt zu seinem Schreibtisch, streicht die schmale, rosafarbene Krawatte glatt und schwebt mit seinem Kugelschreiber über ein paar Zettel, die ihm sein Büroleiter dort bereits zurechtgelegt hat. Zwei Vorlagen, die schnell nach oben sollen.

Hendrik Hoppenstedt ist in Personalunion Staatsminister, stellvertretender Kanzleramtschef, Bundestagsabgeordneter – und nicht zu vergessen: Koordinator der Bundesregierung für Bürokratieabbau und bessere Rechtsetzung. Vier Ämter, ein Mann.

Der 48-Jährige kommt gerade aus einer Videoschalte mit prominenten Parteikollegen – knapp eine Stunde später als geplant. Es ist ein früher Abend im Spätsommer und immer noch etwa 30 Grad heiß im Regierungsviertel. Die Sonne hat die schwarzen Ledersofas in Hoppenstedts Büro aufgeheizt. Zu warm, beschließt der Rastlose, und lotst zu einem großen Konferenztisch. An der einen Ecke liegt ein riesiger Stapel gelber Akten, an der anderen nimmt der Beauftragte für Bürokratieabbau Platz.

Hoppenstedt ist einer von 38 Beauftragten der Bundesregierung. Sie kümmern sich um Großthemen, die die Regierung für besonders dringend oder kompliziert befunden hat, koordinieren die Politik zu dem Thema und führen sie zusammen. Es gibt einen Bundesbeauftragten gegen Antisemitismus sowie einen für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich, eine Beauftragte für Patientenbelange und einen für Tourismus. Einen Parlamentarischen Staatssekretär, der gleichzeitig Koordinator für Schienenverkehr ist, und den Innenminister, der nebenbei offiziell mit dem Umzug von Bonn nach Berlin beauftragt ist. Aber es sind auch Beauftragte für Themen im Amt, von denen außerhalb des Politikbetriebs kaum jemand schon mal gehört hat: Zahlungen an die Konversionskasse etwa oder die Leitung der sogenannten Extractive Industries Transparency Initiative.

"Sprichst du jetzt mit Dealern?"

Von der Existenz der meisten der von der Bundesregierung berufenen Beauftragten oder Koordinatorinnen wissen die wenigsten Bürgerinnen und Bürger, geschweige denn, was sie genau machen. "'Drogenbeauftragte? Sprichst du jetzt mit Dealern?', wurde ich in Rosenheim gefragt", erzählt zum Beispiel die Beauftragte für Drogenfragen, Daniela Ludwig, lachend und imitiert die Frage des Bürgers aus ihrem Wahlkreis mit verschwörerischer Stimme und in besonders breitem oberbayerischen Dialekt.

Seit einem Jahr ist die CSU-Abgeordnete zuständig für alle Süchte von Crystal Meth bis Computerspiele, Alkohol und Tabak, und Ansprechpartnerin der Bundesregierung zu Fragen oder politischen Vorhaben rund um das Thema Drogen. Wer die Amtskollegin von Hendrik Hoppenstedt in ihrem Büro im Gesundheitsministerium besucht, wird nicht von Vorzimmermitarbeitern hineinbegleitet, sondern Ludwig reißt ihre Bürotür selbst auf. Sie redet laut und gut gelaunt.

Eine verbreitete Annahme ist: Die Regierung führt immer dann einen Bundesbeauftragten ein, wenn sie bei einem Themenkomplex feststeckt und sich für ein Problem keine zeitnahe Lösung abzeichnet. Der neue Beauftragte bringe dann einmal im Jahr einen Bericht dazu heraus und schlage sich auch sonst mit dem Thema und Terminen dazu herum.

Die andere – etwas wohlwollendere – Perspektive: Einen Beauftragten für ein Thema zu installieren, bedeutet auch ein Thema ernst zu nehmen: Weil es da jemanden gibt, der damit immer wieder in den Ministerien aufschlägt. Außerdem gibt es Querschnittsthemen, "denen man sonst nicht gerecht wird. Die ein Staatssekretär nicht noch mit beackern kann. Um die sich ein Minister nicht auch noch kümmern kann", so argumentiert die Bundesdrogenbeauftragte Ludwig. Weil die Drogenpolitik wie andere Großthemen auch nicht nur ein Ministerium betreffe, brauche es eine Instanz mit Überblick.

Von Bürokratendeutsch und Cannabisgegnern

Die tatsächliche Macht einer oder eines Bundesbeauftragten hängt, wenn man Hoppenstedt und Ludwig so zuhört, von drei Faktoren ab: Davon, wie gut sie in der Bundesregierung vernetzt sind und ob sie dort wirklich Gehör bekommen. Außerdem von der Zeit, die sie haben, um ihr Amt zu erfüllen. Und nicht zuletzt der Aufmerksamkeit, die sie mit ihrem Thema generieren. Über zu wenig Aufmerksamkeit kann sich Daniela Ludwig jedenfalls nicht mehr beklagen. Sie polarisiert, zum Beispiel mit ihrer strikten Absage an die Legalisierung von Cannabis. Zurück hält die 45-Jährige ihre Meinung eher selten, sie eckt an, sorgt mit der bloßen Existenz ihres Amtes für "Aufwallungen", wie sie das nennt.

Das Problem hat Hoppenstedt mit seinem Bürokratieabbau nicht. Ein großer Teil seiner Arbeit läuft unter dem Radar: "In meinem Wahlkreis leben ungefähr 300.000 Menschen. Die wissen nicht alle, dass ich ihr direkt gewählter Abgeordneter bin – und dass ich in der Bundesregierung Koordinator für Bürokratieabbau bin, erst recht nicht."

BEG III, so die bürokratendeutsche Abkürzung des Gesetzes, das Hoppenstedt mit auf den Weg gebracht hat: Das Dritte Bürokratieentlastungsgesetz soll der Wirtschaft eine Ersparnis von mehr als einer Milliarde Euro jährlich bringen. Statt Zettelwirtschaft können in Unternehmen Krankmeldungen nun vermehrt elektronisch erfolgen, Gründer müssen seltener ihre Umsatzsteuer voranmelden und die Kleinunternehmergrenze wurde angehoben.