Mein Vietnamesischlehrer in Ho Chi Minh City hat mich letztens ausgelacht: "Corona? Das gibt's nur bei euch in Europa!" In Vietnam sei das längst kein Thema mehr, sagte er in unserer Zoom-Stunde. Und tatsächlich: Seit 83 Tagen hat sich niemand mehr im Land angesteckt, die wenigen Neuinfektionen gehen alle auf Personen zurück, die bei ihrer Einreise isoliert und getestet wurden. Für meine Verwandten und Freundinnen dort heißt das: Abendessen mit der Großfamilie, Karaoke-Nächte, volle Clubs. Wenn ich mir in sozialen Medien die Bilder ansehe, dann frage ich mich schon manchmal, wer von uns gerade in der freieren Gesellschaft lebt. Und warum wir, die in einem angeblich so weit entwickelten, hochtechnologisierten Land leben, das Virus nicht in den Griff bekommen.

In Vietnam leben etwas mehr Menschen als in Deutschland (96 Millionen vs. 83 Millionen) auf insgesamt etwas weniger Fläche (331.212 Quadratkilometer vs. 357.386 Quadratkilometer). Das Land hat außerdem drei Nachbarländer, eins davon ist China, wo das Virus ursprünglich herkommt. Trotzdem gab es seit Ausbruch der Pandemie in Vietnam insgesamt nur rund 1.300 nachgewiesene Infektionen. Deutschland dagegen meldete über 900.000 Fälle, täglich kommen derzeit rund 15.000 Neuinfektionen dazu.

Nun sind offizielle Statistiken in einem Einparteienstaat ohne Pressefreiheit zugegebenermaßen wenig verlässlich und die Inszenierung des Erfolgs und die Kriegsrhetorik mögen etwas überzogen wirken (ein Leitmotiv ist "chống dịch như chống giặc" – die Pandemie wie ausländische Invasoren abwehren). Doch Hunderttausende hustende, fiebernde Leute, ein Massensterben – das könnte selbst Vietnam nicht vertuschen. Im Gegenteil konnte man zu Beginn der Pandemie eher staunend mitverfolgen, wie vietnamesische Staatsmedien einfach Namenslisten mit allen Infizierten inklusive Alter und Wohnort veröffentlichten. Man kann also davon ausgehen, dass das Land das Virus wirklich in den Griff bekommen hat.

Was also läuft schief, dass wir fast 700-mal höhere Infektionszahlen haben? Ist es unsere Regierung mit ihren halbherzigen Maßnahmen und ihrer chaotischen Kommunikation – oder ist es am Ende doch die Bevölkerung, die möglicherweise aus historischen Gründen ein Problem mit staatlicher Autorität hat und sich ungern was von oben sagen lässt? Vermutlich beides.

Man muss es nicht Vietnam nachmachen. Sorgen um Datenschutz, Appelle an Eigenverantwortung und das föderale System haben ihre Berechtigung. Aber es gibt auch Mittelwege. Meine Kollegin Xifan Yang hat Strategien ostasiatischer Demokratien wie Taiwan, Japan und Südkorea analysiert, die ebenfalls zur Eindämmung des Infektionsgeschehens geführt haben. Demnach schafften es die Regierungen dort, mit schnellem Handeln und transparenter Kommunikation früh Vertrauen herzustellen und dadurch die Bevölkerung mitzuziehen. In Deutschland hingegen wirken Bund und Länder nach einem halben Jahr immer noch so zerstritten und zerstreut, dass es kurz vor dem nächsten Gipfel im besten Fall nur um Konsensfindung ging, im schlechtesten Fall um reine Selbstprofilierung – nicht aber um den effizientesten Schutz der eigenen Bevölkerung.

Außerdem haben viele asiatische Länder einen konsequenten Maßnahmenkatalog umgesetzt und nicht wie hier nur häppchenweise neue Regeln vorgetragen, die auf manche eher freiwillig wirken, weil kaum jemand ihre Einhaltung kontrolliert und Verstöße sanktioniert. Zum Beispiel wird in Deutschland zwar von Quarantäne geredet, irgendwo steht auch etwas von Bußgeldern und ab und zu werden sie sogar verhängt. De facto können sich aber die meisten potenziell wie tatsächlich infizierten Menschen in Deutschland unbemerkt frei bewegen und ihre Viren streuen. 

Offiziell heißt es, die Behörden hätten nicht die Kapazitäten, um alle Infektionsketten nachzuverfolgen und allen Verstößen nachzugehen. Aber Kapazitäten sind auch eine Frage von Prioritäten, und Prioritäten können politisch gesetzt werden. Außerdem könnte man die Isolation deutlich effizienter gestalten. In den meisten asiatischen Ländern gibt es zum Beispiel besondere Einrichtungen für Einreisende. Solche Quarantänezentren sind zwar kostspielig – die Rettung von unzähligen Unternehmen, die nicht mehr wirtschaftlich planen können, ist es aber auch.