2020 haben in Deutschland viel weniger Menschen einen Asylantrag gestellt als im Vorjahr. Nach Einschätzung von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) liegt das nicht nur an der Corona-Pandemie, die Reisen und Grenzübertritte seit dem Frühjahr 2020 deutlich erschwert. "Die Zahlen sinken schon das vierte Jahr in Folge", sagte Seehofer. "Unsere Maßnahmen zur Steuerung der Migration wirken. Wir sind auf dem richtigen Weg."
Wie das Innenministerium mitteilte, hätten im vergangenen Jahr 102.581 Menschen erstmals einen Antrag auf Asyl in Deutschland gestellt. Darunter sind 26.520 Anträge auf Schutz, die in Deutschland geborene Kinder im Alter von unter einem Jahr betreffen. 2019 waren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 142.509 Erstanträge eingegangen.
Konservative Politikerinnen und Politiker halten die Zahl trotzdem noch für zu hoch. "Vor allem die Sekundärmigration, also das Weiterwandern quer durch Europa nach Deutschland, bleibt ein Kernproblem", sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Mathias Middelberg (CDU). Deshalb sei es wichtig, das EU-Asylsystem zu reformieren.
Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die nach Deutschland einreisen und Asyl beantragen, spricht das Ministerium seit einiger Zeit von "förmlichen grenzüberschreitenden Asylanträgen". Die Hauptherkunftsländer dieser Menschen waren im vergangenen Jahr Syrien (25.373), Afghanistan (8.051) und der Irak (7.355). Bei 2.878 der Schutzsuchenden gilt die Herkunft als ungeklärt.
Pro Asyl kritisiert die deutsche Politik
Im Gegensatz zum Bundesinnenminister sieht Pro Asyl in den sinkenden Zahlen keinen Grund zur Freude: "Diese geringen Zugangszahlen sind eine Folge der rigorosen Grenzabriegelung Europas", kommentiert die Organisation. Die griechisch-türkische Landesgrenze sowie die ungarische und kroatische EU-Außengrenze seien systematisch abgeriegelt worden. Schutzsuchende säßen bei winterlichen Temperaturen in Bosnien im Elend fest, ohne eine Perspektive auf Schutz. Dabei zeigten die aktuellen Asylzahlen: "Deutschland hat Platz."
Auch in griechischen Flüchtlingslagern leiden Menschen unter katastrophalen Bedingungen. Im September brannte das Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos fast vollständig ab. Rund 10.000 Menschen wurden über Nacht obdachlos. Seitdem ist die Lage für die Geflüchteten und Migrantinnen noch schlimmer geworden. Der grüne EU-Abgeordnete Erik Marquardt besuchte die Lager mehrfach. Deutschland habe es "peinlichst vermieden, über Menschenrechtsverletzungen an den europäischen Außengrenzen zu sprechen", sagte er im Dezember. "So entsteht Chaos und nicht Humanität und Ordnung, von der Horst Seehofer immer so gern spricht."