Wer ist Annalena Baerbock? – Seite 1
Annalena Baerbock hat ihr Buch Jetzt: Wie wir unser Land erneuern ihrer Großmutter gewidmet: "Für meine Oma und all die Generationen, die so viel erlitten, erkämpft und geleistet haben und auf deren Schultern wir heute stehen", heißt es auf der ersten Seite. Auch für eine erst im Jahr 1980 geborene Frau, die Bundeskanzlerin unseres Landes werden will, ist das ein zumindest eigenartiger Satz. Er nimmt sich pathetisch aus, will zweifellos historisch sein und klingt aus deutschem Mund dennoch ein wenig befremdlich. Kann sie von ihrer Großelterngeneration tatsächlich als einer sprechen, die "viel erlitten" hat? Passt das zur höchst wechselvollen und wahrhaft schuldbelasteten deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts?
Formulieren wir es vorsichtig: Diese Widmung lässt
sich aus der persönlichen Biografie von Annalena Baerbock durchaus erklären. Darüber
spricht sie recht eindrücklich in ihrem Buch. Für eine eventuell künftige Bundeskanzlerin
jedoch taugt dieser Satz nicht. Er wird der historischen Verantwortung dieses Landes
nämlich nicht gerecht. Und somit zeigt sich bereits auf der ersten Seite von
Baerbocks Buch, in welchem Spannungsverhältnis ihre Gedanken, Beobachtungen und
Haltungen stehen, welchen weiten und großen Bogen sie aufspannen muss, vor welchen
auch intellektuellen Herausforderungen sie in der von ihr angestrebten neuen
Rolle nun steht. Schließlich betritt mit ihr eine neue Generation die große
politische Bühne. Wofür steht diese Generation? All das sollte Baerbocks erstes
Buch nun beantworten.
Jetzt hat 240 Seiten. In gut 200 davon erklärt sie mehr oder weniger im Sound eines persönlichen Grundsatzprogramms, wie sie das Land ökologisch, ökonomisch und sozial umbauen will. Es geht um all die Themen, die ihr am Herzen liegen und über die sie zuletzt noch einmal in ihrer Parteitagsrede am Wochenende sprach: die Kindergrundsicherung, ökologischen Wohlstand, einen Industriepakt für die Zukunft, eine neue Daseinsvorsorge und eine grüne transatlantische Agenda. Es geht natürlich um Europa und auch um eine grüne Außenpolitik. Die Seiten sind voller mittlerweile recht typischer Baerbock-Sätze wie diesem: "Dass wir heute in einem freien, demokratischen und europäischen Deutschland leben dürfen, basiert auf Mut und politischer Weitsicht. Der europäische und internationale Gestaltungswille und die dazugehörige Veränderungsbereitschaft waren immer auch ein Garant für Stabilität, Freiheit und Sicherheit." Man kaut, zugegeben, ein wenig schwer an ihnen. Und stellt sich recht schnell die Frage, was man wirklich von ihr erfahren will.
Eigentlich will man wissen, wer Annalena Baerbock ist. Also, wer sie wirklich ist. Auch weil sie ja zuletzt durch Korrekturen an ihrem Lebenslauf in die Schlagzeilen geriet. Auch, weil sie den meisten Deutschen noch immer eher unbekannt sein dürfte. Dass sie eine zupackende und wissbegierige Frau ist, die sich tief in politische Fragen versenken kann, hat man obendrein in vielen Porträts über sie schon gelesen. Dass sie mitunter auch an sich zweifelt. Aber woher kommt sie? Was hat sie neben dem Pariser Klimagipfel, den sie gern als eine Art politisches Erweckungserlebnis beschreibt, noch so erlebt? Was hat sie jenseits des Bundestags und irgendwelcher Gremiensitzungen noch gesehen?
Darüber
erfährt man viel zu wenig. Leider. Denn das wenige, das man über sie persönlich
erfährt, ist durchaus anrührend, lässt sie nahbar und auch verletzlich
erscheinen. Verleiht ihr eine gewisse Zartheit.
Die heimliche Hauptfigur dieser wenigen Passagen ist, wie gesagt, ihre Großmutter, mit der Baerbock als Kind viel Zeit verbrachte. Sie kam als Spätaussiedlerin mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern 1958 aus Oberschlesien nach Niedersachsen. Fast zwei Jahre lang lebte die Familie in einem Spätaussiedlerlager am Rand von Hannover. "Ihr ganzes Arbeitsleben putzte sie die Büroräume einer Sparkassenfiliale. Nicht ohne einen gewissen Stolz, der vor allem auch daher rührte, dass sie sich, weil sie Weihnachtsgeld erhielt und Einladungen zu Mitarbeiterfesten bekam, als Teil der Sparkasse empfand." 1960 wurde dann Baerbocks Mutter geboren.
Hat sie selbst über sich noch gar nicht viel nachgedacht?
Annalena Baerbock ist demnach die Tochter einer Tochter von Spätaussiedlern. Sie entstammt zumindest mütterlicherseits einer Familie, die wie viele Gastarbeiterfamilien in der alten Bundesrepublik von vorn anfangen mussten und einen sozialen Abstieg zu verarbeiten hatten. Öffentlich hat sie so darüber noch nie gesprochen. Diesen Überschlag, der nahe liegt, macht sie selbst auch in ihrem Buch aber nicht. Baerbock bleibt stattdessen im Anekdotischen.
Dass dann die ältere Schwester der Mutter einen tragischen Unfalltod erlitt, war ein weiterer Schicksalsschlag: "An einem besonders regnerischen Tag ging die Schwester meiner Mutter, inzwischen zwölf Jahre alt, aus dem Haus, weil sie sich ein Geodreieck für den Matheunterricht kaufen musste. Sie hielt sich den Regenschirm so dicht über den Kopf, dass sie beim Überqueren der Straße die Straßenbahn nicht bemerkte und von ihr erfasst wurde und tödlich verletzt wurde", schreibt Baerbock. Dass sie von diesem Tod in ihrem Buch erzählt, obwohl der fast 20 Jahre vor ihrer eigenen Geburt liegt, lässt erahnen, wie schwer die Familie ihrer Mutter an diesem Verlust trug.
Über ihren Vater allerdings erfährt man überraschenderweise nicht mehr, als dass er seiner Tochter beigebracht hat, wie man einen Autoreifen wechselt. Baerbock erzählt sich auf den wenigen Buchseiten allein über die matriarchale Seite der Familie. Auch über ihr Aufwachsen fallen, – mal abgesehen von einer längeren Beschreibung ihres Trampolinspringens und Klagen, dass der Bus in ihrem Dorf zu selten fuhr –, nur wenige Sätze. Insofern muss man ein wenig spekulieren und viel in die wenigen Informationen hineininterpretieren, um tatsächlich die Frage beantworten zu können, wer Annalena Baerbock ist. Und mehr noch, wofür ihre persönliche Biografie steht oder stehen soll.
"Wir sind die erste Generation, die im Bewusstsein der Klimakrise aufgewachsen ist. Eine digitale Generation in einem Land, dem Digitalisierung unerklärlich schwerfällt. Wir sind die erste gesamtdeutsche Generation in einem vereinten Europa. Wie Generationen vor uns leben wir in der Verantwortung für unsere Kinder und in tiefer Verbundenheit mit unseren Eltern", heißt es bei ihr. Auch das klingt ebenso richtig wie es, einmal mehr, reichlich abstrakt bleibt. Der Mensch Annalena Baerbock aber scheint auch wieder viel zu wenig auf.
Warum sie auf sich selbst so sehr verzichtet, lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Hält sie ihre eigene Biografie im Vergleich zu den ambitionierten Plänen ihrer Partei für zu nebensächlich? Glaubt sie, in sich selbst zu wenig Historisches zu finden, das eine Kanzlerin-Geschichte tragen könnte? Hat sie selbst über sich noch gar nicht so viel nachgedacht, weil sie ihr Leben lang mit großen politischen Fragen beschäftigt war?
Es
wird eine Mischung sein, die den Leser zweifellos ein wenig ratlos zurücklässt.
Einerseits kann man sagen, dass es ihr mit diesem Buch nicht wirklich gelingt, ihrem
politischen Denken auch eine individuelle
Färbung zu geben. Andererseits
kann man aber auch festhalten, dass man wirklich gern mehr über den Menschen
Annalena Baerbock erfahren hätte.
Annalena Baerbock: "Jetzt: Wie wir unser Land erneuern", 240 Seiten, Ullstein Verlag
Annalena Baerbock hat ihr Buch Jetzt: Wie wir unser Land erneuern ihrer Großmutter gewidmet: "Für meine Oma und all die Generationen, die so viel erlitten, erkämpft und geleistet haben und auf deren Schultern wir heute stehen", heißt es auf der ersten Seite. Auch für eine erst im Jahr 1980 geborene Frau, die Bundeskanzlerin unseres Landes werden will, ist das ein zumindest eigenartiger Satz. Er nimmt sich pathetisch aus, will zweifellos historisch sein und klingt aus deutschem Mund dennoch ein wenig befremdlich. Kann sie von ihrer Großelterngeneration tatsächlich als einer sprechen, die "viel erlitten" hat? Passt das zur höchst wechselvollen und wahrhaft schuldbelasteten deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts?