Der Krieg in der Ukraine hat gerade erst begonnen, da beratschlagen deutsche Neonazis in internationalen Telegram-Kanälen bereits, wie sie sich am besten dem bewaffneten Kampf gegen Russland anschließen könnten: Soll man Fahrgemeinschaften nach Osten bilden? Oder einen Flixbus nehmen? Aktivisten aus der rechtsextremen Szene teilen Informationen über die besten Stellen, Geld zu wechseln, über angebliche Sammelpunkte in der Ukraine für Freiwillige aus Deutschland sowie Einreisemodalitäten. Unterstützt werden sie von Gleichgesinnten in der Ukraine, die bereits am Tag nach Kriegsbeginn Informationen in verschiedenen Sprachen verbreiteten und wenig später sogar eine deutschsprachige Kontaktperson im Land benannten.

Neonazis aus Deutschland pflegen schon länger enge Kontakte zu Rechtsextremen in der Ukraine. Seit Jahren vernetzt sich die rechtsextreme Szene international immer stärker, angetrieben von dem gemeinsamen Gefühl, sich als angeblich bedrohte "weiße Rasse" gemeinsam verteidigen zu müssen. Die Achse Deutschland-Ukraine ist dabei eine der wichtigeren Verbindungen. Man kennt sich persönlich, hat einander besucht, ein transnationales Netzwerk aufgebaut. Recherchen von ZEIT ONLINE belegen: Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine arbeitet eben dieses Netzwerk daran, deutsche Neonazis als Freiwillige für den Kampf gegen Russland zu rekrutieren. Rechtsextremen aus Deutschland dürfte es neben Abenteurertum und militärischer Erfahrung auch um den Kampf gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und "den Russen" gehen, der – so ein rechtsextremes Narrativ auf Telegram – im Zweiten Weltkrieg deutsche "Ahnen geschändet" habe.

Drei deutsche Rechtsextreme in die Ukraine ausgereist

Diese Anwerbung ausländischer Kämpfer aus der rechtsextremen Szene verläuft parallel zur offiziellen Kampagne der ukrainischen Regierung für eine internationale Freiwilligenlegion, die aufgebaut werden soll. Politisch sind die Rechtsextremisten in der Ukraine kein Massenphänomen, bei der Parlamentswahl 2019 scheiterten sie an der Fünfprozenthürde. Auch militärisch fallen sie wenig ins Gewicht. Das rechtsextreme Asow-Regiment hatte in früheren Zeiten schätzungsweise höchstens 2.500 Kämpfer, während die Armee der Ukraine derzeit über rund 450.000 verfügt. Einiges deutet jedoch darauf hin, dass es organisatorische Überschneidungen zwischen der rechtsextremen Einheit und der offiziellen internationalen Legion des Staates gibt.  

Die Sicherheitsbehörden in Deutschland sind seit Kriegsbeginn alarmiert. "Die Bundesregierung hat ein großes Interesse daran, Ausreisen von Extremisten zu verhindern", sagte ein Sprecher von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Erführen die Behörden von Reiseabsichten deutscher Neonazis, die in Russland oder der Ukraine kämpfen wollten, untersage die Bundespolizei Ausreisen an den Grenzen.

Das gelingt jedoch nicht immer. Nach Informationen von ZEIT ONLINE sind den deutschen Sicherheitsbehörden bisher drei deutsche Rechtsextremisten bekannt, die es bis in die Ukraine geschafft haben, um sich Milizen anzuschließen.    

Besonders aktiv rekrutiert das ukrainische Freiwilligenregiment Asow, das sich 2014 als paramilitärisches Bataillon gegründet hatte, um gegen prorussische Separatisten in der Ost-Ukraine zu kämpfen. Von Beginn an fiel die Einheit nicht nur durch ihre rechtsextreme Gesinnung auf – sie wirbt auch seit Jahren Rechtsextremisten aus anderen Ländern an.

Rechte Gewalt - "Es konnte überall passieren" In der Nachwendezeit jagen rechte Schlägerbanden in Frankfurt (Oder) Linke und Menschen mit Migrationshintergrund. Hat die Stadt das Problem in den Griff bekommen?

Mehrere Deutsche aus dem Umfeld von Neonaziparteien und aus rechtsextremen Kameradschaften wurden in den vergangenen Jahren in Asow-Ausbildungslagern für den Kampfeinsatz trainiert. Dort wurden sie auch an Waffen ausgebildet. Ein Foto, das ZEIT ONLINE vorliegt, zeigt beispielsweise, dass ein junger Mann aus Rostock 2018 in solch einem Camp in Kiew trainiert hat. Er hält auf der Aufnahme ein Sturmgewehr in der Hand. Der Rostocker unterstützt den deutschen Ableger der ukrainischen ultranationalistischen Organisation "Tradition und Ordnung", derzeit organisiert er Hilfstransporte in die Ukraine.