Vor zehn Jahren wurden in der Bundeswehr die Gepard-Panzer aussortiert – heute dürfen sie in die Ukraine geliefert werden. Der Gepard gehört zu den schweren Waffen, die von der Regierung in Kiew gewünscht sind, er ist ein Luftabwehrsystem. "Das ist genau das, was die Ukraine jetzt braucht, um den Luftraum zu sichern vom Boden aus", sagte Verteidigungsministerin Christine Lambrecht am Dienstag. Wir erklären die Beschaffenheit dieser Waffe und die Hintergründe zur Lieferung aus Deutschland.  

Wozu dient ein Gepard?

Der Flugabwehrkanonenpanzer vom Typ Gepard soll mobile Verbände vor Luftangriffen schützen. Er kann sowohl niedrig fliegende Flugzeuge wie auch Helikopter und Drohnen bekämpfen. Nach Angaben des Herstellers ist der Panzer in der modernsten Variante zudem in der Lage, ferngelenkte Flugkörper und Raketen abzuschießen.

Dabei unterscheidet die Technik an Bord feindliche und eigene Maschinen, um einen Abschuss von Flugzeugen der eigenen Luftwaffe zu verhindern. Außerdem ist der Panzer geeignet, auf Ziele am Boden zu feuern. Dann allerdings verwendet die Besatzung nicht die Radaranlage, sondern visiert die Gegner über Periskope an.

Der Gepard hat eine 35-Millimeter-Zwillingskanone, die 1.100 Schuss in der Minute abgeben kann. Er nutzt das Fahrgestell des Kampfpanzers Leopard 1, erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 65 Kilometern in der Stunde und ist mit zwei Radaranlagen ausgestattet, mit der die Besatzung anfliegende Gefahren erkennen und verfolgen kann.

Ende 1976 wurden die ersten Fahrzeuge an die westdeutsche Truppe übergeben. In den Jahren darauf lieferte die Rüstungsindustrie 420 Stück an die Bundeswehr, an dem Gepard-Projekt waren neben Krauss-Maffei Wegmann (KMW) auch Blohm + Voss, Rheinmetall, Siemens und andere Unternehmen beteiligt.

Später wurde der Gepard mehrfach modernisiert, so erhielten die meisten Fahrzeuge einen zusätzlichen Laserentfernungsmesser, Digitalrechner für die Feuerleitanlage und neue Funktechnik. Der Turm des Gepard ist nur leicht gepanzert und schützt die Besatzung vor Granatsplittern oder dem Beschuss aus Gewehren. Die meisten modernen Geschosse durchschlagen den Stahl dort jedoch leicht. Theoretisch kann der Flak-Panzer auch während der Fahrt feuern, trifft dann aber nicht mehr sicher das Ziel.

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Warum hat die Bundeswehr das System aussortiert?

Vor zehn Jahren löste die Bundeswehr die Heeresflugabwehrtruppe auf. Den Schutz von Panzern und Panzergrenadieren vor Attacken mit Erdkampfflugzeugen und Hubschraubern übernahm daraufhin die Luftwaffe. Allerdings nicht mehr mit dem Gepard. Das Fahrzeug wurde 2012 aussortiert. Heute stehen Geparden nur noch zur Erinnerung in militärhistorischen Sammlungen oder Museen.

Gründe dafür waren das Alter – vor allem aber der Sparzwang bei der Truppe. Bereits in den Neunzigerjahren gab es bei der Lieferung von Teilen Probleme. Das System galt als reparaturanfällig. 2010 begann die Bundeswehr dann mit der "Außerdienststellung" der Geparden. Aus Kostengründen akzeptierten die Verantwortlichen in der Politik und der Bundeswehr eine sogenannte Fähigkeitslücke, denn ersetzt wurde der Flak-Panzer nicht, trotz Angeboten aus der Industrie.

"Zum Schutz der Truppen am Boden setzt die Luftwaffe derzeit auf das Flugabwehrsystem Ozelot", heißt es bei der Bundeswehr. Dieses Waffensystem habe allerdings seine Leistungsgrenze erreicht, stellt die Bundeswehr fest, das heißt: Es ist bald zu alt, um es noch sinnvoll einsetzen zu können. Außerdem verfügt die Truppe nur über 20 Ozelot, was einen flächendeckenden Schutz der eigenen Panzertruppe nicht zulässt. 

Längst hätte der Gepard daher ersetzt werden sollen, aber bislang hatte das keine Priorität, da die Gegner der Streitkräfte in den Auslandseinsätzen über keine Flugzeuge oder Helikopter verfügten. Nun hat die Landes- und Bündnisverteidigung höchste Priorität und der Konflikt 2020 in Bergkarabach und der Krieg in der Ukraine zeigen, dass die Bundeswehr dringend einen Nachfolger für den Gepard braucht.

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Welche Länder verwenden den Gepard noch?

Deutschland hat einige Geparden an Rumänien abgegeben. Das osteuropäische Land ist der letzte Nutzer des Panzers innerhalb der Nato. An der Ostgrenze des Bündnisses schützen nun die ehemaligen deutschen Flugabwehrkanonenpanzer die dort eingesetzten Bundeswehrfahrzeuge.

Die Niederlande haben einige gebrauchte Geparden an Jordanien abgetreten. Dort befindet sich der Flak-Panzer noch im Einsatz. Krauss-Maffei Wegmann hat zudem Geparden an Brasilien und Katar verkauft, die den Flak-Panzer unter anderen zum Schutz von Stadien bei ihren Fußballweltmeisterschaften verwendet haben oder dies Ende 2022 planen. Belgien hat bereits 1994 aus Kostengründen seine Geparden aussortiert.

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Wie lange dauert es, bis Soldaten den Panzer einsetzen können?

Für die Ausbildung des Richtkanoniers sah die Bundeswehr einst mehrere Hundert Stunden vor. Zunächst lernten die Soldaten das System kennen, schossen dann im Simulator und später auf Schießplätzen im scharfen Schuss. Der Fahrer lernt seine Aufgaben schneller, der Kommandant erhält eine aufwendige taktische Schulung, damit er seinen Panzer im Verbund mit anderen Panzern, aber auch der eigenen Luftwaffe einsetzen kann. Ehemalige Offiziere, die Geparden geführt haben, geben die Ausbildungsdauer mit zwischen zwei und drei Monaten an.

"Ein modernes Waffensystem ist immer nur so gut wie die Soldaten, die damit umgehen", stellt die Bundeswehr 1983 in einem Film über Schießübungen mit dem Gepard auf Sardinien fest. "Auf den Ausbildungs- und Leistungsstand kommt es an."

Über mögliche Ausbilder verfügt Deutschland zumindest theoretisch noch. "Zum Stichtag 12. Februar 2021 leisteten 614 ehemalige Angehörige der Heeresflugabwehrtruppe aktiven Dienst in der Bundeswehr, die auch über eine Qualifikation (früher Ausbildungs- und Tätigkeitsbezeichnung) im Bereich der Flugabwehr verfügen", gab die Bundesregierung vor etwas mehr als einem Jahr an.

Da die Ukraine vor dem Kriegsbeginn über etwa 70 Tunguska-Flak-Panzer aus sowjetischer Produktion verfügte, gibt es zumindest Soldaten in ihren Reihen, die bereits Luftabwehrsysteme kennen. Zwar sind die Tunguska nicht identisch mit dem Geparden, beim Einsatz aber vergleichbar. Besatzungen, die auf dem Tunguska ausgebildet wurden, können den Einsatz der deutschen Flugabwehrpanzer vermutlich schneller lernen.

Der Hersteller kann prinzipiell das Training von Soldaten übernehmen. "KMW bietet darüber hinaus maßgeschneiderte Lösungen für Ausbildung, Simulation, Werkstattausstattung, Dokumentation, Ersatzteilversorgung und den Kundendienst vor Ort an", heißt es beim Panzerbauer zum Geparden.

Bevor die Geparden sinnvoll von der Ukraine eingesetzt werden können, muss der Nachschub mit Munition geklärt sein – und die Instandhaltung der Fahrzeuge. Da die Panzer nicht mehr produziert werden, dürften einige Ersatzteile schwer aufzutreiben sein. Bereits im vergangenen Jahr stellte die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage fest: "Für den Flugabwehrkanonenpanzer Gepard befinden sich keine Ersatzteile mehr im Besitz der Bundesrepublik Deutschland."

Für die Reparatur und Wartung benötigen die ukrainischen Streitkräfte dann auch noch Mechaniker. Deutsche Soldaten werden in der Ukraine keine Fahrzeuge betreuen oder Soldaten ausbilden, haben sich Bundeskanzler Scholz und Verteidigungsministerin Lambrecht bereits festgelegt.

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Ist das jetzt die Zeitenwende bei der Lieferung von schweren Waffen?

Nicht wirklich, denn die Gepard-Panzer kommen nicht aus dem Bestand der Bundeswehr. Der Hersteller Krauss-Maffei Wegmann hat sie der Ukraine bereits zum Beginn des Kriegs offeriert. "Wir haben der Bundesregierung angeboten, den ukrainischen Streitkräften 50 Flugabwehrpanzer vom Modell Gepard zur Verfügung zu stellen", sagte Ralf Ketzel, Chef von KMW, im Interview mit der ZEIT. "Die werden im Moment in Deutschland nicht eingesetzt und könnten rasch geliefert werden."

Ausgeschlossen hatten Bundeskanzler Scholz und Verteidigungsministerin Lambrecht die Abgaben von schweren Waffen durch die deutschen Streitkräfte. Die Bundesregierung geht bisher davon aus, dass eine Lieferung schwerer Waffen Wladimir Putin provozieren könnte und eine Ausweitung des Kriegs zur Folge hätte. Zudem soll die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr nicht weiter reduziert werden. Letzteres zumindest müssen Scholz und Lambrecht nicht befürchten, wenn sie Lieferungen durch deutsche Rüstungsunternehmen freigeben.

Für die Machthaber im Kreml ist es vermutlich nicht relevant, ob die Bundesregierung selbst liefert oder Rüstungsexporte erlaubt. Außenminister Der russische Außenminister Sergej Lawrow kündigte in einem TV-Interview an, weiter militärisch gegen Waffenlieferungen der Nato vorzugehen: "Natürlich werden diese Waffen ein legitimes Ziel für die russischen Streitkräfte sein." Lager für Rüstungstechnik seien bereits mehrfach zu solchen Zielen geworden.

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Was hat Deutschland sonst noch versprochen?

Die Bundesregierung helfe der Ukraine, mit Waffen, mit Munition, mit Geld, mit Ausrüstung und auch mit humanitären Hilfsgütern, sagte Verteidigungsministerin Christine Lambrecht laut Redemanuskript bei einem von den USA organisierten Treffen von Nato-Mitgliedern auf dem amerikanischen Stützpunkt Ramstein.

"Wir arbeiten gemeinsam mit unseren amerikanischen Freunden bei der Ausbildung von ukrainischen Truppen an Artilleriesystemen auf deutschem Boden und wir werden zusammen mit den Niederlanden Ausbildung an Panzerhaubitzen und Munition für die Ukraine bereitstellen, denn wir wissen alle, dass in diesem Konflikt Artillerie ein wesentlicher Faktor ist", sagte Lambrecht. Ein Training der Ukrainer am Gepard versprach sie nicht.

Die Rüstungsindustrie habe den Export von 100 Marder-Schützenpanzern an die Ukraine bei der Bundesregierung beantragt, bestätigte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Montag in der Bundespressekonferenz. Eine Entscheidung werde "zeitnah" fallen. Zudem haben Firmen gebrauchte Leopard-1-Kampfpanzer angeboten. Die Offerte beinhalte zudem Training der Besatzung in Deutschland, die Ausbildung für die Instandsetzung, außerdem noch Werkzeug, Ersatzteile, den Aufbau eines Servicestützpunktes und Munition.

Bislang hat Deutschland vor allem leichte Waffen geliefert, Panzerfäuste und Boden-Luft-Raketen als "Manpads", die von der Schulter eines Soldaten abgefeuert werden, dazu noch Maschinengewehre und Munition. Außerdem sollen gepanzerte Sanitätsfahrzeuge und Ausrüstung aus der Bundesrepublik an die Ukraine gegangen sein. Da die Bundesregierung die Waffenlieferungen an die Ukraine zur Geheimsache erklärt hat, liegen keine aktuellen Auflistungen vor. Andere Staaten wie die USA gehen sehr viel transparenter mit ihren Abgaben an die Regierung in Kiew um.

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