Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) hat Kritik an den Entlastungspaketen der Ampel-Koalition im Kampf gegen die Energiekrise geübt. "Ich hätte mir mehr Differenzierung gewünscht, um gezielt den Schwächsten zu helfen", sagte Bas der Bild am Sonntag. Sie zeigte sich offen für ein weiteres, ein viertes Paket, das besonders ärmeren Bürgern hilft. "Um das Schlimmste gerade für Menschen mit wenig Einkommen abzufedern, müssen wir bei einem Fortschreiten der Krisen bereit sein, noch einmal nachzulegen."
Die SPD-Politikerin, die das zweithöchste Staatsamt innehat, zeigte sich alarmiert über die soziale Lage im Land: "Viele Menschen in Deutschland können schon lange nicht mehr spontan im Restaurant essen gehen oder im Kino einen Film gucken. Viele Ältere überlegen, ob sie sich das Stück Kuchen beim Bäcker leisten können, weil die Rente sonst nicht bis zum Monatsende reicht. Das empfinde ich als dramatisch." Bas appellierte an die Bundesregierung, auch Mieter gegen die hohen Energiepreise zu schützen.
Die Parteien der Ampel-Koalition hatten sich vergangenes Wochenende angesichts der stark gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten auf ein drittes Entlastungspaket im Umfang von 65 Milliarden Euro geeinigt. Es sieht unter anderem Direktzahlungen für Rentnerinnen und Rentner sowie Studierende, einen Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger und eine Erhöhung des Kindergelds vor. Geplant ist auch eine Strompreisbremse.
Bas fordert Wahlrechtsreform ein
Die Parlamentspräsidentin mahnte im Interview mit der Bild am Sonntag auch eine rasche Wahlrechtsreform an, um die Zahl der Bundestagsabgeordneten zu reduzieren. Natürlich wünsche sie sich dafür eine möglichst breite parlamentarische Mehrheit. "Nur zur Ehrlichkeit gehört dazu: Wenn wir darauf warten, kriegen wir vielleicht wieder keine Wahlrechtsreform. Damit wäre niemandem geholfen", sagte Bas der Zeitung.
Der Bundestag gehört zu den größten Parlamenten der Welt, weil er auf Basis des derzeitigen Wahlrechts immer weiter angeschwollen ist. Die Fraktionen kommen bei der seit Jahren geplanten Reform bisher auf keinen gemeinsamen Nenner.
Bei der nächsten Wahl müsse der Bundestag zu einer "akzeptablen Größe, den maximal 598 Abgeordneten", zurückkehren, sagte Bas. Derzeit sitzen wegen der sogenannten Überhang- und Ausgleichsmandate 736 Abgeordnete im deutschen Parlament. Bas räumte ein, dass die Wahlrechtsreform ein "schwieriges Thema" sei: "Sie kennen ja den Spruch, dass Frösche ungern ihren eigenen Teich trockenlegen."