Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) möchte Atomkraftwerke wie den Samstagnacht abgeschalteten Meiler Isar 2 in Landesverantwortung weiterbetreiben und verlangt vom Bund eine Änderung des Atomgesetzes. "Solange die Krise nicht beendet und der Übergang zu den Erneuerbaren nicht gelungen ist, müssen wir bis zum Ende des Jahrzehnts jede Form von Energie nutzen", sagte Söder der Bild am Sonntag. Er fordere daher eine eigene Länderzuständigkeit für den Weiterbetrieb der Kernkraft.

Bayern wolle außerdem als Vorreiter in die Forschung zur Kernfusion einsteigen, sagte Söder, und in "den Bau eines eigenen Forschungsreaktors – gerne in Zusammenarbeit mit anderen Ländern".

SPD kritisiert FDP-Anregung zur Kernfusion

Zuvor hatte die FDP angeregt, nach Abschaltung der letzten AKW bei der Energiegewinnung auf Kernfusion zu setzen. Dies stößt bei der SPD auf Widerspruch. Die Verschmelzung von Atomkernen zur Energiegewinnung ist bisher nur eine Idee. Anders als bei der Kernspaltung in Atomkraftwerken würden bei der Fusion nur minimale Mengen Radioaktivität freigesetzt, das Risiko einer Kettenreaktion besteht nicht.

FDP-Fraktionschef Christian Dürr sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Ich will, dass in Deutschland einer der ersten Kernfusionsreaktoren entsteht. Dazu sollten wir den Einsatz der Kernfusion entbürokratisieren." Er forderte: "Wir sollten einen eigenen Rechtsrahmen für die Kernfusion schaffen: ein Kernfusionsgesetz."

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken hält die Idee nicht für sinnvoll. "Wer jetzt den Eindruck vermittelt, dass mit dieser Technologie in absehbarer Zeit ein verlässlicher Beitrag zu unserer Energieversorgung geleistet werden kann, der streut den Menschen Sand in die Augen", sagte sie den Funke-Zeitungen.

Trittin fordert unverzüglichen Beginn des Rückbaus

Die Forderung der FDP, die nun abgeschalteten Atomkraftwerke als Reserve zu behalten, stößt auf scharfe Kritik des früheren Umweltministers Jürgen Trittin. Der Vorschlag verstoße gegen das Gesetz und würde zudem Steuergeld vernichten, weil der Staat die Kosten für Personal und Wartung übernehmen müsste, sagte der Grünenpolitiker der Bild am Sonntag.

Längere Laufzeiten für die Kernkraftwerke würden Deutschland in die erneute Energieabhängigkeit von Russland treiben, kritisierte Trittin. "Wenn die FDP Atom-Laufzeiten verlängern will, redet sie faktisch davon, dass wir Uran aus Russland kaufen sollen. Atomenergie in Europa läuft nicht ohne Russland", sagte Trittin. Als Beispiele nannte er die osteuropäischen Länder, die extrem abhängig von den Brennelementen von Rosatom, Putins Atomagentur, seien. Auch Frankreich produziere seine Brennstäbe aus Uranhexafluorid, das aus Russland komme. Trittin forderte, unverzüglich mit dem Rückbau der AKW zu beginnen.