Nach dem Austritt Sahra Wagenknechts steht die Linke vor einer ungewissen Zukunft. Die Konkurrenz durch die neue Partei, die ihre frühere Fraktionschefin gründen will, könnte ihre eigene Existenz gefährden. Doch in diesen Tagen macht die Linke auch eine lange ungekannte Erfahrung.

Nach Informationen von ZEIT ONLINE verzeichnet die Linke seit dem Montag, als Wagenknecht ihren Abgang verkündete, sowohl auf Bundesebene als auch in mehreren Landesverbänden deutlich mehr Eintritte als Parteiaustritte – und das nach Jahren des Mitgliederschwunds.

Bis Freitagmittag habe die Parteizentrale 331 Eintritte und 195 Austritte registriert, sagte Bundesgeschäftsführer Tobias Bank ZEIT ONLINE. "Nach dem Weggang von Wagenknecht und Co hält die Linke Kurs und beweist Haltung", sagte Bank. "Mich ermutigt, dass das offenbar ganz viele Menschen so sehen. Das erkenne ich ganz deutlich daran, dass trotz der lange organisierten und erwartbaren Austritte seit Montag noch viel mehr Menschen in unsere Partei eintreten."

Bundesweit sind exakte Zahlen allerdings noch nicht verfügbar. Oft könne es mehrere Tage bis Wochen dauern, bis die Daten zu den gestellten Mitgliedsanträgen aus allen Verbänden von der Bundes- bis zur Kreisebene zusammengeführt seien, heißt es aus der Partei.

Auf zwei Austritte kommen drei Eintritte

Mehrere Landesverbände bestätigten auf Anfrage von ZEIT ONLINE allerdings den Trend. In Thüringen habe der Landesverband 25 Eintritte und fünf Austritte gezählt. "Mit dem Zeitpunkt der Ankündigung der Pressekonferenz begannen die Eintritte in die Partei und halten seitdem an", teilte ein Pressesprecher in Bezug auf Wagenknechts Auftritt in der Bundespressekonferenz mit. Im Landesverband Sachsen registrierte man von Montag bis Mittwoch 25 Eintritte und acht Austritte. Auch die Berliner Landespartei meldete einen Zuwachs.

Im Landesverband Niedersachsen schätzt man, dass seit dem Wagenknecht-Auftritt auf zwei Austritte drei Eintritte kämen. Die Landesvorsitzenden Franziska Junker und Thorben Peters betonen, "dass eine Reihe von gesellschaftlich oder gewerkschaftlich sehr aktiven Menschen in den letzten Tagen ihre Mitgliedschaft beantragt haben und diesen Schritt ausdrücklich mit den jüngsten Entwicklungen begründen". Darunter sei die als Hartz-IV-Rebellin bekannt gewordene frühere Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann, die die Partei im Jahr 2020 verlassen hatte.

Die Momentaufnahme steht im Kontrast zu längerfristigen Entwicklungen. Zuletzt hat die Linke sowohl an Zuspruch in Umfragen und Wahlen als auch an Mitgliedern deutlich verloren. Ende 2022 zählte die Partei gut 54.000 Mitglieder, ein Jahr zuvor waren es noch mehr als 60.000. Wagenknecht, bislang die bekannteste Politikerin der Linken, hat am Montag angekündigt, im Januar eine eigene Partei gründen zu wollen. Gemeinsam mit neun weiteren Bundestagsabgeordneten erklärte sie ihren Austritt aus der Linken.