Ein Fall aus Hannover beschäftigt gerade viele Menschen in der deutschen Gewerkschaftsszene. Der dortige Vorsitzende der AfD-Fraktion im Stadtrat hat für den Personalrat eines örtlichen Müllentsorgungsunternehmens kandidiert. Er wurde Stimmkönig, erhielt die meisten Stimmen aus seiner Belegschaft. Außerdem ist er Mitglied in der Gewerkschaft ver.di. Die aber will mit der AfD nichts zu tun haben und den rechten Müllentsorger am liebsten rauswerfen. Ihm soll die Mitgliedschaft entzogen werden, aber das ist kompliziert.
Mit
ähnlichen Fällen haben gerade viele deutsche
Gewerkschaften zu kämpfen. Auch Arbeiter und Angestellte in den Unternehmen leiden darunter:
Was
sollen sie tun, wenn sich Kollegen rassistisch äußern? Wenn migrantische
Mitarbeiterinnen beleidigt oder Minderheiten am Arbeitsplatz diskriminiert
werden? Wenn das Klima geprägt ist von
rechtspopulistischen Sprüchen und Verschwörungstheorien? Was, wenn diese Haltung sogar vom Betriebsrat oder den Bossen
vorgelebt wird?
ZEIT
ONLINE hat mit zahlreichen Vertretern der großen deutschen Gewerkschaften
gesprochen. Und sie alle bestätigen: Die Grenzen dessen, was auf den
Werksgeländen oder in den Lagerräumen gesagt wird, hat sich vielerorts
nach Rechtsaußen verschoben. Es kommt inzwischen regelmäßig vor, dass sich
Menschen, die darunter leiden, an die Gewerkschaften wenden und um Hilfe
bitten.
Rechtes Gedankengut, in vielen Betrieben ein Problem
"Es ist kein marginales Problem", sagt Oliver Preuss. Er ist Gewerkschaftssekretär bei ver.di, und er wurde vor Kurzem vom Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen extra angeheuert, weil die Hilferufe aus den Betrieben sich derart gehäuft hatten. Viele Gewerkschaften bieten inzwischen Schulungen an, wie am besten mit solchen Situationen umzugehen ist. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, sagt im Gespräch mit ZEIT ONLINE: "Wir befähigen unsere Mitglieder, geben ihnen Argumente an die Hand." Eine Vertreterin der IG Metall sagt: "Rechtes und extremes Gedankengut ist in vielen Betrieben zum Problem geworden, da müssen wir dagegenhalten."
Die
Spitzen der Gewerkschaften sind in ihrer Haltung eindeutig. Auf ihren diesjährigen
Kundgebungen am 1. Mai werden sie, wie schon in den Jahren zuvor und gemäß
ihrer linken Tradition, glaubhaft vor Rassismus und Intoleranz warnen. Sie
werden auch offen und direkt die AfD als parteipolitische Verkörperung dieser
Geisteshaltung attackieren.
Auch
andere Gesellschaftsinstitutionen schärfen derzeit ihre Haltung zur
AfD. Die Kirchen wurden zuletzt gelobt, weil sie sich öffentlich von ihr
distanziert und ihre Mitglieder zum Austritt aufgerufen hatten. "Solche
Erklärungen sind notwendig, die schreiben wir seit Jahren und Jahrzehnten", betont Stephanie
Albrecht-Suliak von der
Gewerkschaft IG BCE. Distanzieren sei nicht das Problem. Die Frage sei doch eher,
welche Konsequenzen man daraus ziehe, sagt die Gewerkschafterin. Schmeißen die
Kirchen ihre Gläubigen etwa raus, wenn sie trotzdem in der AfD bleiben oder
deren Parolen verbreiten, wenn sie trotzdem diese Partei wählen und mit ihr sympathisieren, fragt Albrecht-Suliak rhetorisch. Um selbst gleich die Antwort zu
geben: "Das glaube ich nicht."
AfD feiert sich als neue "Arbeiterpartei"
Genau
diese Debatte beschäftigt aber die Gewerkschaften derzeit, wie radikal und
konsequent man gegen Rassisten und AfD-Anhänger in den eigenen Reihen vorgehen
kann und sollte. Denn es gibt durchaus große Schnittmengen. Wahlanalysen
zeigten zuletzt, dass die AfD unter den Mitgliedern von Gewerkschaften populär
ist. Zuletzt wählten sie die Rechtspopulisten sogar häufiger als der
Durchschnitt der Bevölkerung. Die AfD selbst feiert sich als neue
"Arbeiterpartei Nummer eins". Albrecht-Suliak verweist auf die sozialen
Marker, die beide Gruppen aufweisen: Gewerkschaften wie AfD werden mehrheitlich noch immer dominiert
von männlichen, mittelalten (Fach-)Arbeitern. "Auch darum gibt es Überschneidungen."
Wie viele
AfD-Anhänger und -Mitglieder die Gewerkschaften genau in ihren Reihen haben,
wissen sie nicht. Wollen sie vielleicht auch nicht allzu genau. "Wir betreiben
keine Gesinnungsprüfung" unter den fast zwei Millionen Mitgliedern, heißt es
etwa bei ver.di. Auch könne
man die Mitglieder nicht so einfach zwingen, etwaige Parteimitgliedschaften
offenzulegen. Hinzu kommt: Solange die AfD nicht verboten ist, sei es
für Gewerkschaften schwierig, gegen einfache AfD-Mitglieder vorzugehen. "Schwieriger als ein
Parteiausschluss", sagt ver.di-Sprecher Jan Jurczyk.
Unangenehm
wird es aber spätestens dann, wenn prominente AfD-Mitglieder exponierte Stellen
bei den Gewerkschaften einnehmen – wie aktuell der ver.di-Mann im Fall aus
Hannover.
Andere
Gewerkschaften sind schon einen Schritt weiter. Die Gewerkschaft der Polizei
oder die Eisenbahner von der EVG haben Unvereinbarkeitsbeschlüsse
getroffen, um AfD-Mitglieder leichter ausschließen zu können. Seine
Gewerkschaft habe von dieser Klarheit ungemein profitiert, berichtet der
Chefgewerkschafter der Polizei Kopelke. Die Mitgliederzahlen sind seither
gestiegen, inzwischen ist die GdP die fünftgrößte Gewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Von
Mitgliedern und aus der Gesellschaft erhalte sie viel Lob für ihre "klare
Kante gegen rechts".
Ein Fall aus Hannover beschäftigt gerade viele Menschen in der deutschen Gewerkschaftsszene. Der dortige Vorsitzende der AfD-Fraktion im Stadtrat hat für den Personalrat eines örtlichen Müllentsorgungsunternehmens kandidiert. Er wurde Stimmkönig, erhielt die meisten Stimmen aus seiner Belegschaft. Außerdem ist er Mitglied in der Gewerkschaft ver.di. Die aber will mit der AfD nichts zu tun haben und den rechten Müllentsorger am liebsten rauswerfen. Ihm soll die Mitgliedschaft entzogen werden, aber das ist kompliziert.
Mit
ähnlichen Fällen haben gerade viele deutsche
Gewerkschaften zu kämpfen. Auch Arbeiter und Angestellte in den Unternehmen leiden darunter:
Was
sollen sie tun, wenn sich Kollegen rassistisch äußern? Wenn migrantische
Mitarbeiterinnen beleidigt oder Minderheiten am Arbeitsplatz diskriminiert
werden? Wenn das Klima geprägt ist von
rechtspopulistischen Sprüchen und Verschwörungstheorien? Was, wenn diese Haltung sogar vom Betriebsrat oder den Bossen
vorgelebt wird?