Wiese: Am Telefon begrüße ich jetzt den Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag Michael Glos. Guten Morgen! Glos: Guten Morgen Herr Wiese. Wiese: Herr Glos, wenn ich mich nicht täusche, habe ich Sie gestern im Fernsehen bei der ZDF-Spendengala für die Flutopfer gesehen. Fällt es Ihnen da nicht furchtbar schwer, sich ab heute wieder gewissermaßen in die Niederungen der Politik zu begeben? Glos: Ja, das ist richtig und ich bin ungeheuer beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Deutschen und auch für die Art und Weise, wie man in unseren Medien mit den Dingen umgeht. Aber natürlich geht auch bei uns das Leben weiter und wir müssen schauen, dass wir unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhalten, weil das ist ja auch die Basis sowohl der einzelnen Menschen als auch die Basis unseres Landes, anderen Ländern und bei solchen Katastrophen helfen zu können. Wiese: Wenn sie von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands sprechen, Herr Glos, dann meinen Sie sicher und sind davon überzeugt, dass die Union insgesamt diese Wirtschaftsleistung besser gewährleisten könne. Nun haben Sie zu Beginn ihrer Klausur in Wildbad Kreuth ein Gespräch mit der Leiterin des Allensbacher Instituts für Demoskopie Renate Köcher auf dem Programm gehabt. Die Umfragewerte sind für die Union ja deutlich zurückgegangen, die für die Regierungskoalition dagegen gestiegen. Warum hat die Union die politische Schwäche von rot-grün nicht besser nutzen können? Was hat sie falsch gemacht? Glos: Wir haben natürlich das Dilemma einer starken Opposition, die gleichzeitig eine Mehrheit im Bundesrat hatte, die kompliziert genug ist, weil man weiß ja im Bundesrat ist es anders als bei den Mehrheiten im Bundestag. Über die ist leichter zu verfügen. Der Bundesrat ist sehr kompliziert für die Koalitionen, viele eigenständige Länderinteressen. Das legt uns auf der anderen Seite natürlich auch Probleme in den Weg, wenn man so will. Wenn wir nicht zugestimmt hätten bei den Konsolidierungsmaßnahmen des letzten Jahres, dann wäre Deutschland in einer noch sehr viel schwierigeren Lage und die Opposition möglicherweise in einer besseren Lage in den Noten bei der Bevölkerung. Aber wir sind ja nicht da, um zwischendurch immer gelobt zu werden, sondern wir sind da, um auch aus der Oppositionsrolle heraus zu versuchen, mitzuwirken und das Beste für das Land zu erreichen. Dass sich das dann, wenn die Regierung offensichtlich Erfolge dadurch hat, dass sie mal stehen geblieben ist - und der Erfolg von Schröder beruht ja darauf, dass er trotz aller Widerstände in den eigenen Reihen das, was unter dem Stichwort Hartz IV gelaufen ist, durchgezogen hat -, zeigt sich dann in den Umfrageergebnissen. Nun ist es so, ohne dass wir die Geschichte gestalten konnten, müssen wir natürlich auch für alles, was schlechter läuft, die Verantwortung mit übernehmen, obwohl wir auf dem Weg andere Möglichkeiten vorgeschlagen haben. Wie gesagt daher rührt letztendlich auch ein Stück weit unser Dilemma. Ein weiterer Grund ist, ohne Ihre Frage vorweg nehmen zu wollen: wir haben uns im vergangenen Jahr auch zu viel Streit geleistet, in der Sache und öffentlich um den richtigen Weg. Das ist etwas, was offensichtlich bei bürgerlichen Wählern nicht sehr ankommt. Wiese: In der Tat, Herr Glos, Sie haben mir die Frage vorweg genommen. Die CDU hat ja im vergangenen Jahr einige schmerzhafte Abgänge verantworten müssen: Friedrich Merz, Hermann-Josef Arentz, Laurenz Meyer. Diese Abgänge haben also Ihrer Meinung nach zur derzeitigen Schwäche der Union deutlich beigetragen? Ist das auch eine Frage des Führungsstils? Glos: Das hat natürlich auch dazu beigetragen, aber das war meiner Ansicht nach nicht das Grundlegende. Es ist natürlich so, dass Angela Merkel immer wieder auch ein Stück um ihren Machtanspruch innerhalb der CDU kämpfen muss. Das ist etwas, was eigentlich ganz selbstverständlich ist. Politik ist letztlich immer ein Stück Machtkampf und Ringen um den besseren Weg. Dabei glaube ich hat sie doch sehr eindeutige Fortschritte gemacht. Der Bundesparteitag hat gezeigt: Angela Merkel ist konsolidiert. Ich glaube sie kann die Dinge jetzt ein Stück lockerer angehen. Politik ist natürlich auch immer wieder der Versuch, möglichst viele Menschen auf dem Weg mitzunehmen, den man für richtig hält. Das ist natürlich in einer Zeit ungeheuer schwierig, wo die Politik lieb gewordene Leistungen des Staates und der öffentlichen Hand zurückholen muss, weil die Kassen einfach leer sind. In einer Zeit, wo man immer mehr Wohltaten gewähren kann, ist das alles sehr viel leichter. Deswegen richten sich natürlich auch sehr viel höhere Ansprüche an die Menschen, die derzeit in der Politik führen müssen. Wiese: Also Sie sind, wenn ich Sie richtig verstanden habe, der Meinung, dass der Führungsanspruch Angela Merkels in der CDU als Vorsitzende keineswegs mehr in Frage steht nach dem vergangenen Jahr. Wie ist es denn dann in der gesamten Union mit dem Führungsanspruch von Angela Merkel? Glos: Wir wissen natürlich, dass Führungsanspruch nicht allein dadurch entsteht, dass man auf Parteitagen siegt, sondern man muss das immer wieder auch in den Wahlkämpfen beweisen. Insofern waren die Ausgänge der Wahlen im letzten Jahr eigentlich auch ein Zeichen der Unterstützung für Angela Merkel, wenn ich nur mal an den nicht erwarteten großartigen Erfolg in Hamburg vor einem Jahr denke. Aber die Zeiten sind natürlich wetterwendig und es ist jetzt entscheidend, wie die Wahlen ausgehen in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen, weil immer entscheidend natürlich die nächste Wahl ist. Das ist der Weg, um in Berlin wieder zur Macht zu kommen. Wenn die Wahlen, was ich nicht erwarte, für die CDU desaströs ausgehen würden, sage ich, dann gibt es natürlich wieder Diskussionen, in welcher Aufstellung man die Bundestagswahl am besten gewinnen kann. Ich kämpfe für Wahlausgänge in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein, die solche Fragestellungen am Schluss überhaupt nicht aufkommen lassen. Wiese: Gesetz den Fall, Sie sagten es selbst, wenn die Wahlen verloren gehen sollten - und die Umfragewerte sind ja derzeit nicht mehr so blendend -, dann wäre die K-Frage wieder aktuell? Glos: Die K-Frage ist natürlich aktuell, bis wir einen Kanzlerkandidaten oder eine Kandidatin nominiert haben. Das wird zirka in einem Jahr sein und das ist etwas, was man immer zeitnah entscheiden muss, weil es darf in erster Linie nicht um Personen gehen darf, sondern es muss darum gehen, eine bestimmte Sache, einen bestimmten Weg, ein bestimmtes Programm dann auch in Politik umsetzen zu können. Dieser Frage müssen sich natürlich immer wieder einzelne Menschen unterordnen. Wiese: Ja, aber wenn Sie von Kanzlerkandidatin oder Kanzlerkandidat sprechen, dann können Sie doch mit dem Kanzlerkandidaten nur Edmund Stoiber meinen? Glos: Ach, das ist eine Fiktion und das ist wieder ein Thema, das man uns jetzt versucht aufzuzwingen, mit dem wir uns aber in einem Jahr selbstverständlich befassen. Es gibt in der CSU auch viele ausgezeichnete Frauen und es gibt sicher ungeheuer viele ausgezeichnete Männer in der CDU, so dass die Spekulation über Kandidat oder Kandidatin noch lange nichts mit Personen zu tun hat oder mit bestimmten Personen. Wiese: Herr Glos, noch ein Wort zu einer inhaltlichen Frage. Der Sozialexperte und bekennende Querdenker Ihrer Partei Horst Seehofer lehnt den Gesundheitskompromiss der Union nach wie vor ab und ist überzeugt davon, dass er so nicht ins Wahlprogramm 2006 kommen wird. Wird das ein Thema auf der Klausurtagung sein und wie fest steht dieser Kompromiss eigentlich noch? Glos: Also es steht bei uns nicht auf der Tagesordnung. Dieser Kompromiss ist vereinbart zwischen den Führungen der beiden Parteien. Er ist sorgfältig erwogen. Er ist etwas, was sich in eine moderne Gesundheitspolitik umsetzen lässt und es macht keinen Sinn, alle Fragen wieder aufzurufen. Wiese: Und da sind Sie auch durchaus der Meinung, dass Horst Seehofer weiterhin als Sozialexperte gelten kann in Ihrer Partei, obwohl er diesen Kompromiss ablehnt? Glos: Wir sind ja keine stalinistische Partei, die anderes Denken nicht zulässt, sondern wir sind immer wieder für bessere Vorschläge aufgeschlossen und wir können und wollen nicht auf das Fachwissen von Horst Seehofer verzichten. Aber Politik gestalten heißt natürlich immer wieder Kompromisse schließen und natürlich auch zueinander finden bei unterschiedlichen Positionen. Wer das nicht kann, ist auf die Dauer nicht politikfähig. Ich bin überzeugt: Horst Seehofer wird mit der Mannschaft marschieren! Wiese: Das war in den "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag Michael Glos. Schönen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören! Glos: Auf Wiederhören Herr Wiese. ©Deutschlandfunk2005