Heinlein: Geld ist reichlich da. Mehr als drei Milliarden Euro haben Regierungen und internationale Organisationen weltweit für die Flutopfer zugesagt, und es dürften noch mehr werden. In dieser Woche findet eine Geberkonferenz in Genf statt, bei der es über die Soforthilfe hinaus um die langfristigen Aufbaumaßnahmen gehen soll. Doch die Erfahrung lehrt, es gibt durchaus berechtigte Zweifel an der Nachhaltigkeit dieser Ankündigungen. Sind die Kameras abgebaut, die Katastrophe aus den Schlagzeilen verschwunden, bleibt oft nicht viel übrig von der internationalen Hilfsbereitschaft. Nicht ohne Grund mahnte deshalb UN-Generalsekretär Kofi Annan die internationale Gemeinschaft, das Geld sofort und in bar an die entsprechenden Hilfsorganisationen auszuzahlen. Darüber möchte ich jetzt sprechen mit Professor Hans-Dieter Evers, Südostasienexperte des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Herr Professor Evers, werden die Flutopfermilliarden wirklich fließen? Evers: Es bestehen berechtigte Zweifel, aber ich denke, dass der größte Teil der zugesagten Mittel tatsächlich ausgezahlt werden wird. Heinlein: Wie wichtig ist es denn für die betroffenen Länder, dass die Gelder tatsächlich sofort und in voller Höhe ausgezahlt werden? Evers: Also in voller Höhe ist daran nicht zu denken. Man muss unterscheiden zwischen der unmittelbaren Katastrophenhilfe, die das Überleben der Betroffenen erst mal sichert, und der Aufbauhilfe. Die Aufbauhilfe wird über längere Jahre gestreckt werden müssen. Heinlein: Wird es denn in Genf in dieser Woche so kommen, dass die Regierungen sich tatsächlich ganz konkret festlegen, so wie Annan es will, in so und so viel Tagen werden wir die Summe auszahlen? Evers: Also ich gehe davon aus, dass zumindest die Bundesregierung eine solche Zusage abgeben wird, genauso wie einige andere Partner in der Europäischen Union. Heinlein: Sind Sie denn beeindruckt von der Bundesregierung, die ja 500 Millionen Euro zugesagt hat? Ist das eine Zahl, die Sie beeindruckt? Evers: Die beeindruckt durchaus. Wenn man bedenkt, was sonst an Entwicklungshilfe in die einzelnen Länder pro Jahr fließt, ist das schon eine erhebliche Summe. Heinlein: Werden diese Gelder von staatlicher Seite zusätzlich zur Verfügung gestellt, oder glauben Sie, dass einfach umgeschichtet wird von anderen Entwicklungsprojekten? Evers: Wir hoffen natürlich sehr, dass keine Umschichtung stattfindet. Am Anfang wird eine gewisse Umschichtung sinnvoll und notwendig sein, weil wir Personal in den Entwicklungsprojekten vor Ort haben, das ja für die Katastrophenhilfe eingesetzt werden kann. Heinlein: Also kann es durchaus so kommen, dass Darfur, Kongo oder Afrika insgesamt einen Teil der Zeche zahlen müssen für die Hilfe für Südostasien? Evers: Also wir hoffen sehr, dass das nicht geschieht. Man muss das nicht in einem Jahresrhythmus sehen, sondern vielleicht in einem Fünfjahreszeitraum, und in diesem Zeitraum, denke ich, sind Umschichtungen notwendig. Aber unter dem Strich müssten eigentlich wirklich 500 Millionen Euro mehr rauskommen, als für diese Entwicklungshilfe ohnehin schon geplant war. Heinlein: In diesen Tagen wird ja viel geredet über die Erfahrungen von Bam. Dort blieb nicht viel übrig von den zugesagten Millionenhilfen. Haben Sie dafür eine Erklärung? Evers: Die Medien spielen sicher eine große Rolle. Sobald die Aufmerksamkeit schwindet, nimmt der politische Druck ab, der für diese Hilfe gesorgt hat. Also man muss im Fall Südostasiens dafür sorgen, dass die ganze Hilfe nicht zu einem politischen Spiel wird. Das zeichnet sich leider ab, aber ich denke, dass wir zumindest aus deutscher Sicht auf dieses politische Spiel einlassen sollten. Heinlein: Was meinen Sie mit diesem politischen Spiel? Geht es auch wirtschaftliche und geopolitische Interessen bei dieser Hilfe? Evers: Die geopolitischen Interessen sind ganz eindeutig bei den USA zu sehen, aber natürlich hat auch die Bundesregierung geopolitische Interessen. Sie müssen beachten, dass Südostasien und darüber hinaus Ostasien einer der großen Handelspartner Deutschlands ist, dass dort also wirklich die Musik spielt. Das heißt, dort läuft die wirtschaftliche Entwicklung wohl am besten, weltweit gesehen, und daran will man teilhaben. Zum anderen fließt unser Öl, das wir dringend brauchen, sehr stark durch die Straße von Malakka, also an Sumatra vorbei in Form von Tankern, während unser Export über die Seewege direkt an Indonesien und Thailand vorbei nach Ostasien fließt. Also das ist das geopolitische Interesse, das wir da mit Sicherheit haben. Das Interesse hat sich bisher ausgedrückt in einer Friedenspolitik. Wir sind interessiert, dass Ruhe in dieser Region eintritt, also dass der Bürgerkrieg in Aceh oder der Bürgerkrieg in Sri Lanka tatsächlich aufhört. Das würde die beste Garantie für eine wirtschaftliche Entwicklung und einer Teilhabe der deutschen Exportwirtschaft an dieser Entwicklung sein. Heinlein: Wie nachhaltig ist denn der wirtschaftliche Schaden für die von der Flut betroffenen Länder? Evers: Also der Tourismus wird sicher über mehrere Jahre hin stark betroffen sein. Die Infrastruktur ist zum Teil zerstört. Die Touristen werden dieses Ereignis so schnell nicht vergessen. Wir haben das im Fall der Bombenattentate in Bali gesehen. Da hat es doch drei Jahre gedauert, bevor die Touristen wieder zurückkamen. Das war eine schreckliche Sache, aber dort wurden 200 Leute getötet. Hier haben wir es mit viel größeren Zahlen zu tun. Das wird also für Jahre hinaus viele Urlauber abschrecken, in diese Region zu fahren. Heinlein: Was ist denn jetzt wichtiger für eine nachhaltige, dauerhafte Entwicklung dieser Region? Geht es um Geld oder geht es auch um Sachleistungen, die die internationale Gemeinschaft da wird leisten müssen? Evers: Es kommt darauf an, was Sie unter Sachleistungen verstehen. Also man muss aufpassen, dass diese unmittelbare Katastrophenhilfe nicht die Menschen dort beunfähigt, weiterhin selbständig zu leben. Wir haben in der Vergangenheit eine Vielzahl von intensiven Befragungen und Forschungen angestellt über die Überlebensstrategien von armen Leuten in Slumgebieten in Südostasien. Wir waren außerordentlich beeindruckt über die Kreativität der Leute dort. Also die wissen mit Krisen umzugehen. Ich denke, man muss ihnen die Möglichkeit geben, dann also auch diese Krisenbewältigung selbst zu tragen. Ich würde sehr stark plädieren für einen Aufbau der Infrastruktur, das heißt Wiederaufbau von Straßen, Märkten, Schulen, Gesundheitswesen. Dann werden die Leute am schnellsten mit ihrer Situation selber fertig werden. Heinlein: Wie groß sind denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern in dieser Hinsicht in der Katastrophenregion? Brauchen Indien oder Thailand weniger Hilfe als etwa Indonesien oder Sri Lanka? Evers: Die Provinz Aceh in Nordsumatra ist besonders stark betroffen, weil hier durch den Bürgerkrieg die Infrastruktur ohnehin schon sehr stark in Mitleidenschaft gezogen ist. Es gibt weite Gebiete, wo praktisch keine öffentliche Verwaltung mehr funktioniert. Das ist ganz anders in Thailand, wo eigentlich die Bürokratie den Umständen entsprechend jetzt funktioniert hat. In Sri Lanka ist es im Süden einigermaßen noch gut. Im Norden, wo der Bürgerkrieg herrscht, ist auch der Staat sehr beschränkt in seinen Möglichkeiten, dort Entwicklungshilfe zu leisten. ©Deutschlandfunk2005