Remme: 1918, 1957 und 1968, die Gemeinsamkeit zwischen diesen drei Daten ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Es sind die Daten von Grippepandemien im vergangenen Jahrhundert, jede mit verheerenden Folgen, und die Weltgesundheitsorganisation warnt davor, dass es relativ wahrscheinlich ist, dass es demnächst - den genauen Zeitpunkt wissen wir nicht - zu einer weiteren Pandemie kommt, und fordert eine Verbesserung von Schutzplänen. Das Robert-Koch-Institut hat einen solchen nationalen Schutzplan gestern für Deutschland vorgestellt. Am Telefon ist nun Klaus Stöhr. Er leitet das Influenza-Programm bei der Weltgesundheitsorganisation. Herr Stöhr, hört man das Wort Frühwarnsystem, dann denkt man natürlich in diesen Tagen an den Tsunami, wie viele Menschen hätten vermutlich gerettet werden können, hätte es ein solches System gegeben. Sehen Sie beim Schutz vor einer Grippepandemie Parallelen? Stöhr: Absolut. Wenn man ein Erdbeben in seinen Folgen abmildern will, dann will man natürlich so schnell wie möglich wissen, wann es auftritt. Bei der Influenza-Pandemie braucht man gute Überwachungssysteme, Labore, die Proben nehmen, Tiergesundheitsüberwachungsprogramme. Es wird nicht zu verhindern sein, denn das Virus wird sich ausbreiten, langsamer hoffentlich als wir das gesehen haben in den vorigen Pandemien, wenn wir Impfstoffe und vielleicht antivirale Substanzen machen, aber man muss jetzt darüber nachdenken, wie man die gesundheitlichen Konsequenzen abfedern kann, wie sich Krankenhäuser vorbereiten können und wie die Länder auch versuchen können, Zugang zu den Medikamenten zu bekommen. Remme: Entspricht der Plan, so wie er gestern vorgestellt wurde, den Erwartungen der Weltgesundheitsorganisation, oder gibt es da noch Defizite? Stöhr: Also wir haben natürlich den deutschen Plan nicht in aller Tiefe analysiert, aber prinzipiell besteht Kontakt mit den deutschen Kollegen, weil man die großen Schwerpunkte angegangen hat. Ein großer Vorteil, den wir gegenüber 1968 und 1957 haben, ist, dass wir jetzt in der Lage sind, uns auf diese Pandemie vorzubereiten. Wir wissen, welcher Erreger die nächste Pandemie verursachen könnte, und wir haben die Möglichkeit, Impfstoffe zu entwickeln, soweit, dass sie in die kommerzielle Produktionsphase kommen können, und das ist ein Riesenvorteil, den wir nicht aus der Hand geben dürfen. Die Impfstoffe können einen Riesenunterschied machen. Wir haben auch die Möglichkeit, jetzt uns mit Medikamenten einzudecken. Sie kosten sehr viel. Man muss genau abwägen, was man kann und was man will, aber hier sind die großen Möglichkeiten, die man nicht verschenken darf. Remme: Sie warnen seit einiger Zeit davor, dass die Gefahr einer nächsten Pandemie so groß ist wie selten zuvor. Ist das rein statistisch so gesehen, oder warum gibt es Indizien? Stöhr: Prinzipiell hat man in der Vergangenheit drei, vier Pandemien jedes Jahrhundert gesehen, und wenn die eine Pandemie vorbei ist, dann steuert man schon auf die nächste zu. Allerdings ist die Situation jetzt etwas anders. Vor 36 Jahren war die letzte Pandemie. Statistisch sind wir schon überfällig, aber dieses H5N1-Geflügelgrippevirus in Asien ist eine große Bedrohung. Viele Menschen sind bereits gestorben. Das Virus kursiert weiter. Wir haben in diesem Jahr vier neue Fälle. Es gibt eine große Anzahl von Verdachtsfällen in Vietnam und jetzt auch in Thailand. Man muss also damit rechnen, dass dieses H5N1-Virus es schafft, eine Pandemie zu verursachen. Das kann man und will man nicht garantieren, aber die Situation ist so bedrohlich, wie sie es noch nie gewesen ist seit 1968. Remme: Wie könnte denn das Szenario der nächsten Pandemie aussehen? Stöhr: Da muss man nach hinten schauen, was ist 1957 und 1968 passiert? Ein Virus ist entstanden, das nach drei, vier oder fünf Wochen vielleicht entdeckt wurde. Es gab kleine Gruppen von Menschen, die gleichzeitig an einer schweren Lungenerkrankung erkrankt sind. Die Todesfallrate war relativ hoch. Das Virus hat sich innerhalb von sechs bis acht Monaten über die ganze Welt ausgebreitet. Man muss davon ausgehen - das sind Hochrechnungen -, dass mindestens zwischen zwei und sieben Millionen Menschen bei der nächsten Pandemie sterben, dass vielleicht 25 bis 28 Millionen in Krankenhäuser eingeliefert werden müssen und dass viele hundert Millionen krank werden. Sie werden nicht sterben, sie werden Medikamente und einen Arzt brauchen, aber letztendlich ist die Auswirkung auf die Gesellschaft fundamental, katastrophal in einigen Regionen, weil viele Menschen gleichzeitig krank werden, das Gesundheitswesen überlastet wird, natürlich auch bis 20 Prozent der Personen in einem kurzen Zeitraum nicht zur Arbeit gehen können. Über all das muss man jetzt nachdenken und man muss versuchen, Schadensbegrenzung zu planen. Remme: Rechnet die Weltgesundheitsorganisation damit, dass bei der nächsten Pandemie die Auswirkungen, zum Beispiel wegen Tourismus und Globalisierung, weitaus schlimmer sind oder wegen des Fortschritts der Medizin geringer? Stöhr: Das ist ganz schwer vorherzusagen. Stellen Sie sich vor, wir hatten ja ganz andere Transportsysteme bei den letzten Pandemien. Das Virus wird sich jetzt vielleicht sogar schneller ausbreiten. Natürlich haben wir jetzt bessere Gesundheitssysteme. Vielleicht haben wir Medikamente, vielleicht haben wir Impfstoffe. Das gegeneinander abzuwägen, Modelle zu entwickeln, ist außerordentlich kompliziert und schwer vorhersagbar. Was man mit Sicherheit vorhersagen kann, ist, dass das Virus, wenn es aufgetreten ist, nicht an seiner Ausbreitung gehindert werden kann. Man kann es vielleicht verlangsamen, aber es wird sich weltweit ausbreiten. Bei den letzten Pandemien hat es Überlastungen der Gesundheitssysteme gegeben, was zur Folge hatte, dass viele Menschen gestorben sind. Daher glauben wir, dass es Sinn macht, sich auf die nächste Pandemie vorzubereiten. Remme: Habe ich Sie richtig verstanden, dass es im Prinzip eine Kosten-, eine Geldfrage ist, weil es einen Impfstoff geben würde, er aber noch nicht hergestellt ist? Stöhr: Ja, das Gesundheitswesen hat auch natürlich ökonomische Faktoren, die es beeinflussen. Der Influenzaimpfstoff für die Pandemie muss vorher hergestellt und entwickelt werden. Die Firmen sehen hier natürlich einen unsicheren Markt. Man wird hier Geld investieren müssen und kann sich noch nicht sicher sein, ob die Profite auch reinkommen werden. Remme: Was kostet denn so was? Stöhr: Also die Impfstoffentwicklung kostet zwischen 500 und 800 Millionen Euro und dauert normalerweise zehn Jahre. Wir rechnen hier mit anderen Kosten. Die Firmen gehen davon aus, dass sie um die 100 Millionen Euro brauchen würden, um solche Impfstoffe zu entwickeln. Realistisch ist es wohl so, dass ohne Beteiligung aus öffentlicher Hand keine der Firmen in die Impfstoffentwicklung gehen wird. Das hat die USA gezeigt. Da hat man Geld vorgeschossen, und die Firmen arbeiten jetzt schon an Impfstoffen. Die klinische Testung hat schon begonnen. In Europa ist das nur in Frankreich der Fall. Das französische Gesundheitsministerium kauft Impfstoffe. Die Italiener denken auch darüber nach. Man wird sich genau überlegen müssen, was man an Medikamenten braucht, und dann in einer offenen Diskussion mit den Partnern muss man sich überlegen, was man investieren kann und will. Das sollte man relativ schnell tun. Wie gesagt, die Situation in Asien ist doch sehr besorgniserregend. Remme: Vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk2005