Lange: "Alle Welt hilft Südasien, aber vergesst nicht Afrika", so mahnen in diesen Tagen viele Hilfsorganisationen, wobei ein wenig übersehen wird, dass auch die afrikanischen Küstenstaaten des Indischen Ozeans von der Flutwelle getroffen sind. Dort ging es mit der Ausnahme von Somalia glimpflich ab, wenn man überhaupt so sagen darf, wenige Tote in Kenia und Tansania, dank einer rechtzeitigen Warnung, aber immerhin 298 in Somalia, dazu auch großflächige Zerstörungen und viele tausend Obdachlose. In Nairobi begrüße ich Simone Wolken, sie ist die Vertreterin des UN-Flüchtlingshilfswerks in Somalia. Frau Wolken, wie stark ist das Küstengebiet von Somalia betroffen? Wolken: Das Küstengebiet von Somalia ist sehr stark betroffen und die Vereinten Nationen sind im Moment der Meinung, was weiter noch geklärt werden muss - denn es könnte viele andere geben - dass 54.000 Menschen ihre Lebensgrundlage verloren haben durch Tsunami. Viele von den Betroffenen gehören bereits zu den Menschen in Somalia, die in sehr schwierigen Lebensverhältnissen leben. Personen, die Binnenflüchtlinge sind, Personen die aus dem Exil als Flüchtlinge zurückgekehrt sind. Es ist eine Situation, in der die ärmsten der Armen mal wieder zum vierten oder fünften Mal eine Katastrophe erleben. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die gleichen Menschen schon eine Dürre und eine Flutkatastrophe hinter sich haben. In den letzten vier, fünf Jahren war eine Dürre in der gleichen Region, danach folgte ein flutartiger Regensturz mit Hagelstürmen, der die Temperaturen auf unheimlich niedrige Grade reduzierte und alle die Tiere, die überhaupt noch die Dürre überlebt hatten von Nomaden, starben durch die niedrigen Temperaturen. Wir sprechen also hier über eine Bevölkerung, die von einer Katastrophe in die andere geht. Es gibt dort keine vernünftigen Straßen. Hilfsgüter in die betroffenen Gebiete zu bringen, ist ein logistischer Alptraum. Lange: Wie ist das mit den Straßen dort? Wolken: Die Straßen dort sind nach deutschen Standards nicht existent und Hilfsgüter von dem Hafen zu den betroffenen Gebieten zu bringen ist ein logistischer Alptraum. Lange: Von was ernähren sich die Menschen? Wolken: Sie ernähren sich an der Küste von der Fischerei. Dies ist die Zeit des Jahres, in der die Fischer an der Küste von Somalia ihre Saison haben, in der sie das gesamte Geld für das ganze Jahr verdienen. Das heißt, dass die Fischer, die alle ihre Netze und ihre Boote verloren haben, in diesem Moment nicht nur ihr Einkommen für heute und morgen verlieren, sie verlieren ihr Einkommen für einen Großteil der nächsten Monate. Es ist also insofern unheimlich wichtig, dass die Vereinten Nationen und ihre Partner nicht nur Nothilfe leisten. Die Menschen brauchen sofort Nahrungsmittel, Decken, Wassercontainer oder andere Hilfsgüter, aber es ist mindestens genauso wichtig, dass sie schnell wieder im Stande sind, ihren eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Lange: Wir hören aus Südasien, dass die Nothilfe dort steht, dass eigentlich niemand mehr dort hungern muss, dass die Hilfsorganisationen die Lage immer besser in den Griff bekommen. Lässt sich das von Somalia auch so sagen? Wolken: Man kann sogar sagen, dass die schnellste Reaktion von Hilfsorganisationen für Opfer des Tsunami in Somalia stattfand, wo die ersten Hilfsgüter schon zwei Tage nach Ausbruch der Katastrophe verteilt wurden. Insofern ist, was die Schnelligkeit der Reaktion angeht, denke ich, in Somalia ein Beispiel gesetzt worden. Zu der gleichen Zeit natürlich sind die Bedürfnisse so groß, dass noch viel Arbeit zu leisten ist und UNICEF und das Welternährungsprogramm WFP und UNHCR und andere Nichtregierungsorganisationen sind aktiv dabei, diese notleidende Bevölkerung zu versorgen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR hat im Moment Schiffe unterwegs, die 32.000 Decken, 10.000 Plastikplanen für temporäre Unterkünfte, 10.000 Wassercontainer, 15.000 Kochgeschirre und 30.000 Matratzen in die Region schiffen. Lange: Kann man etwas zynisch formulieren, dass die Hilfe dort so schnell in Gang kam, weil Somalia sowie am Tropf der UNO hängt? Wolken: Das wäre zu viel gesagt, denn die Bedürfnisse der Menschen dort sind viel zu groß und die UNO hat viel zu wenig Mittel, um überhaupt diese Bedürfnisse zu decken. Wenn man bedenkt, dass nach14 Jahren Konflikt, Unsicherheit und einer zerstörten Wirtschaft zwei Drittel der Bevölkerung von weniger als einem Euro pro Tag pro Person leben müssen, viel weniger als einem Euro, dass zwanzig Prozent der Bevölkerung nicht lesen uns schreiben können und viele andere Indikatoren dahin deuten, dass die Sterblichkeitsraten erheblich höher sind, als in den meisten anderen Länder der Welt, dann ist es sicher nicht so, dass die UN genug Mittel hat, dieses Lage dann sofort zu beheben. Es war allerdings so, und das muss man dann wirklich positiv erwähnen, dass die Welternährungsorganisation und UNICEF vor Ort Mittel hatten, mit denen sie sofort helfen konnten und die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR sofort Mittel mobilisieren konnte, die sie eben auch dort hinschicken kann, aber es ist nicht so, dass die UN sozusagen der Tropf von Somalia ist. Wir könnten viel mehr tun, wenn wir mehr Mittel hätten. Lange: Somalia ist nun ein Land, das immer noch vom Bürgerkrieg zerrissen ist, eine funktionierende Regierung gibt es dort nicht. Wer ist dort Ihr Ansprechpartner? Wolken: Die Vereinten Nationen und ihre Partner arbeiten zusammen mit den lokalen Autoritäten, lokalen Nichtregierungsorganisationen und den betroffenen Menschen selbst, um sicherzustellen, dass die Hilfe am besten an die Menschen gebracht wird, die sie am meisten brauchen. Gleichzeitig ist die neue Regierung von Somalia, die im Moment noch aus Nairobi arbeitet, auch sehr aktiv, um Unterstützung und Hilfe herbeizuführen und hat ein Vier-Personen-Kabinett nominiert, dass mit der UN und mit den Nichtregierungsorganisationen arbeitet, damit die Hilfe gezielt an die Frau und an den Mann gebracht wird. ©Deutschlandfunk2005