Klein: Auch dies ein Thema, zu dem fast alles gesagt scheint und bei dem sich doch nur nach und nach etwas ändert: die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Seit die Politik anerkennen muss, dass auch die Probleme auf diesem Gebiet dazu führen, dass sich immer weniger Menschen für Kinder entscheiden, erfährt das Thema wieder neue Aufmerksamkeit, heute etwa in einem Gespräch von Bundespräsident Horst Köhler mit der Bundesfamilienministerin sowie Vertretern von Wirtschaft und Kommunen. Die Frage hat auch etwas mit Kultur zu tun in einer Gesellschaft mit politischer Kultur und mit der Kultur des Umgangs mit Familien oder eben Alleinerziehenden. Neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz ist Johanna Wanka, die Wissenschaftsministerin in Brandenburg. Sie habe ich gefragt, was sich am gesellschaftlichen Klima ändern muss, damit es eine Perspektive gibt für das, was Politikerinnen von Renate Schmidt bis Angela Merkel jetzt fordern, dass die Unternehmen mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun müssen. Wanka: Eigentlich sind wir dort in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern, auch europäischen, in einer Sonderrolle und die ist langfristig für Deutschland gefährlich und dass es jetzt ganz unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte merken und darüber diskutieren, wie das Gespräch heute beim Bundespräsidenten, das halte ich für immanent wichtig. Ich komme ja nun aus dem Wissenschaftsbereich, da ist über Jahre viel versucht worden in Form von Geldern, Förderprogrammen für Frauen und trotzdem sind die Effekte minimal. In Deutschland fehlt das Klima, dass wenn man will, Beruf und Familie gleichzeitig möglich sind. Und das hat natürlich etwas mit Kinderbetreuung zu tun, mit Rahmenbedingungen für Frauen und Männer, die arbeiten und auch mit der Haltung dazu. Ein Stück Tabuisierung oder Ächtung von Frauen, die beides wollen, findet man immer noch in den Hinterköpfen und das halte ich für ganz schädlich. Klein: Was glauben Sie, was passieren muss, um dieses Klima zu verändern? Wanka: Es gibt keine einfachen Patentrezepte, aber es müssen in allen Bereichen, das heißt, wenn ich an die Kultusministerkonferenz denke, in den Bereichen, für die wir Verantwortung tragen, also im Schul- und Hochschulbereich, sehr viel stärker muss es thematisiert werden, muss versucht werden, gegenzuarbeiten. Es ist überhaupt nicht bekannt, dass zum Beispiel in Ländern wie Griechenland oder der Türkei, man vermutet es nicht, es mehr prozentual weibliche Ingenieure gibt, als in Deutschland. Wir haben wirklich eine Sondersituation und sollten zum Beispiel schauen, wie man es in Frankreich oder Spanien macht. Das halte ich für hilfreich. Klein: Kinderbetreuung ist sicherlich ein wichtiger Faktor, das andere ist natürlich wirklich auch die konkrete Situation in den Betrieben und Unternehmen. Väter etwa, die sich um die Familie oder ihre Kinder kümmern möchte, erleben auch heute noch, wie Sie sagen, Diskriminierung dahingehend, dass sie teilweise auch belächelt werden, von Vorgesetzten nicht ganz ernstgenommen und eine Laufbahn in verantwortlichen Positionen, dann als ausgeschlossen gilt. Das ist ja auch weniger eine Frage der Kinderbetreuung sondern auch, welchen Stellenwert Kindererziehung und Familienpolitik in unserer Gesellschaft einnehmen. Wanka: Ja, wenn ich jetzt an meine eigene Biographie denke - als unsere Tochter geboren wurde Anfang der Achtzigerjahre in der DDR, ist mein Mann, damals war das nicht einfach möglich, zuhause geblieben mit ihr, hat also einen Teil der Kinderbetreuung übernommen. Das war diskriminierend, was uns dort passierte: er bekam kein Geld, ich hätte es bekommen. Es war für ihn eine wunderschöne Zeit. Und jetzt, in der Bundesrepublik Deutschland bei der Rentenberechung, wird dieses halbe Jahr nicht angerechnet auf die Rente. Das sind Dinge, die genau in die Richtung gehen, die wir eben beschrieben haben und die müssen auch von der gesetzlichen Seite her verändert werden. Klein: Die Bildungspolitik, für die Sie auch als KMK-Präsidentin verantwortlich zeichnen, war der zentrale Streitpunkt, an der die Arbeit der Föderalismusreformkommission gescheitert ist zum Jahresende. Sehen Sie derzeit Chancen für einen zweiten Anlauf? Wanka: Für die Wiederaufnahme der Föderalismusdebatte sind natürlich die Entscheidenden nicht die Kultusminister, sondern die Ministerpräsidenten. Klein: An welcher Stelle wären die Länder und Kultusminister denn bereit, nun Zugeständnisse zu machen, die sie bei der ersten Runde nicht leisten wollten? Wanka: Es ist absolut klar, dass die Kulturhoheit der Länder nicht angetastet werden darf, dass heißt, die Versuche, weitere Kompetenzen in diesem Bereich für den Bund zu gewinnen, ist abzulehnen, das ist eindeutig so. Also der Versuch, Qualitätssicherung für die Universitäten als Kompetenz des Bundes für sich zu erreichen, hätte bedeutet, dass der gesamte Bereich, für den jetzt die Länder Verantwortung tragen, für die Ausgestaltung der Universitäten, an den Bund geht. Das geht natürlich nicht. Andererseits ist der Status quo, den wir haben, also diese Tatsache Bundesgesetzgebung, Anrufung des Bundesverfassungsgerichts, Korrektur der Entscheidungen, der ist absolut unbefriedigend für alle Beteiligten, auch für den Bund und ich denke, dass jetzt hier, nachdem der erste Anlauf nicht geglückt ist, vielleicht auch die Bereitschaft, sich zu arrangieren, gewachsen ist. Das ist meine Hoffnung. Klein: Wo sehen Sie etwas konkreter Kompromissmöglichkeiten im Moment? Wanka: Die kann ich nicht sehen, denn die sind wirklich in der Hand der Ministerpräsidenten. Klein: Aber die KMK, haben Sie selber gesagt, muss auch Vorarbeit leisten, muss Vorschläge unterbreiten. Welche werden Sie unterbreiten, vielleicht noch im Verlauf der Verhandlungen in den kommenden Monaten, die wir erleben werden? Wanka: Wir haben alle einen neuen Sachstand durch das Scheitern der Föderalismusdebatte und müssen jetzt sozusagen in der Kultusministerkonferenz erstmal die Meinungen sortieren und schauen, ob wir dort in der Lage sind oder Möglichkeiten sehen für die MPs, konstruktive Vorschläge zu machen. Klein: Welche Möglichkeiten sehen Sie denn als brandenburgische Kultusministerin? Wanka: Haha, Sie versuchen es auf jeden Fall. Das kann man nicht voneinander trennen und ich muss mich jetzt in der Situation als KMK-Präsidentin auch ein kleines bisschen zurücknehmen, da wir in der KMK sicher unterschiedliche Meinungen haben und die habe ich zu vertreten nach außen und nicht nur eine Brandenburger Sicht. Klein: Einige Reformen bei der KMK sind angestoßen: weniger Gremien, Stellenreduzierung, weniger Einstimmigkeitsentscheidungen sind einige Stichworte dafür. Ein kleiner Wurf, so meinen die Kritiker, nach der großen Diskussion über die Rolle der KMK. Werden Sie sich darüber hinaus für wesentliche Veränderungen in der Arbeit der Kultusministerkonferenz einsetzen? Wanka: Ich denke nicht, dass das ein kleiner Wurf ist. Dieses Reformpaket geht sehr weit. Die Zahl der Gremien auf über die Hälfte zu reduzieren, die Entscheidungsstrukturen grundlegend zu verändern, schneller zu reagieren, das hat ja die KMK schon schrittweise in den letzten Jahren versucht. Ich denke, das ist der richtige Weg und es wird schwierig genug, das, was jetzt in diesem Reformpaket steht, innerhalb kurzer Zeit - und wir haben nur kurze Fristen dafür zur Verfügung - umzusetzen. ©Deutschlandfunk2005