Simon: Übermorgen finden im Irak Wahlen statt und trotz aller Drohungen von Terroristen werden sich wahrscheinlich doch viele Menschen auf den Weg machen, um erstmals nach Jahrzehnten ihre Stimme für den wirklichen Kandidaten ihrer Wahl abzugeben. Am Telefon ist Volker Perthes, Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Herr Perthes, lässt sich seriös eine Vorhersage über den Ausgang der Wahl machen? Perthes: Nein, das lässt sich nicht machen und das ist eigentlich das interessante an den Wahlen und das, was sie von vielen Wahlen in arabischen Staaten unterscheidet, dass wir eben nicht wissen, wer der Gewinner sein wird. Wir haben im arabischen Teil des Irak mindestens drei sehr starke Listen. Das ist die von Premierminister Allawi, der sagte, ich trete an, als neuer, starker Führer für einen starken Staat. Wir haben die von Herr Sistani, von dem Großayatollah unterstützte Liste im wesentlichen mit einer schiitisch-religiösen Tendenz und wir haben die Liste von Staatspräsident Jawar, der versucht, vor allem im sunnitischen Bereich doch noch Stimmen zu bekommen. Niemand kann eigentlich sagen, wie diese drei Listen abstimmen werden. Das ist tatsächlich etwas, wo die Wähler die Analysten überraschen dürften. Simon: Den Sunniten droht ja nach Jahrzehnten der Macht als Minderheit zum ersten mal der Verlust der Macht im Lande. Was bedeutet das, wenn die wirklich weitgehend die Wahl boykottieren? Perthes: Das bedeutet vor allen Dingen, dass das neue Parlament nicht sehr repräsentativ sein wird, was den sunnitischen Bevölkerungsteil angeht. Es ist weniger eine Frage von Fairness der Wahlen. Ich glaube, dass das irakische Wahlkomitee sich schon bemüht, die Bedingungen soweit herzustellen, wie es das kann, damit die Bürger frei ihre Stimme abgeben können. Aber in dem so genannten sunnitischen Dreieck, also im wesentlichen von Sunniten bewohnten Provinzen im Westen des Irak, werden eben wahrscheinlich die meisten Bürger aus Angst oder auch aus Überzeugung, aber ich denke eher aus Angst, nicht zu den Wahlen gehen. Das heißt, dass dann auch sehr wenige Repräsentanten, wenn überhaupt irgendwelche Repräsentanten aus diesen Gebieten im neuen Parlament sitzen werden. Das heißt, wir könnten hier tatsächlich die Situation haben, dass wir zwar ein frei gewähltes, aber letztlich nicht repräsentatives, jedenfalls nicht im ganzen Land repräsentatives Parlament haben werden, sondern ein Parlament, was eher für zwei Drittel des Landes, den Süden, den Osten und den Norden repräsentativ ist, aber nicht so sehr für den Westen. Simon: Seit Saddam Husseins Fall machen die Kurden im Norden ihr Ding. Jetzt wird bei den Wahlen zusätzlich auch ein autonomes Regionalparlament im kurdischen Nordirak gewählt. Wie sicher ist es, dass der kurdische Norden auch auf lange Sicht beim Irak bleibt? Perthes: Sicher ist das überhaupt nicht. Es gibt eine gewisse Rationalität dafür, beim Irak zu bleiben. Diese Rationalität ist erkannt worden von den Führern der großen kurdischen Parteien, von Herrn Talabani und von Herrn Barzani. Die wissen, dass die Nachbarschaft nicht sehr freundlich reagieren würde auf ein sezessionistisches, auf ein unabhängiges Kurdistan. Ein solches Kurdistan würde Opposition und Widerstand zu gewärtigen haben aus Syrien, aus der Türkei, aus Iran und natürlich von dem Rest des Irak, und insofern haben sie sich entschieden, eher mit dem Rest des Irak zusammen zu bleiben, aber es gibt durchaus in der kurdischen Bevölkerung starke Stimmen, die sagen: Wenn wir unabhängig wären vom Rest des Irak, ginge es uns doch besser, ginge es uns wirtschaftlich besser, ginge es uns politisch und kulturell besser, weil wir eigenständig sind von unserer Kultur her, wir haben keine arabische Kultur und wir könnten es besser machen, wir könnten auch demokratischer sein. Das ist der Wunsch, denke ich, gerade junger Leute im irakischen Kurdistan, die möglicherweise nicht bedenken, welche Konsequenzen ein solcher Schritt der Sezession haben würde. Ob sich diese Tendenz durchsetzt, mehr Zustimmung bekommt, hängt sicherlich im Wesentlichen davon ab, ob der Irak insgesamt stabilisiert wird oder nicht. Wenn er stabilisiert wird, wenn es ein föderales System gibt, dann kann Kurdistan auch seinen Platz in einem gemeinsamen Irak finden. Simon: Nach den Wahlen insgesamt im Irak, sowohl im Norden, als in der Mitte, als auch im Süden, wie stark wird der Druck werden, dass die Amerikaner und die Briten das Land verlassen? Perthes: Ich denke, der Druck wird zunehmen. Ein bisschen hängt das natürlich von den Wahlergebnissen ab. Es könnte ja durchaus sein, dass wir im neuen irakischen Parlament eine Mehrheit von Parteien und Gruppen haben werden, die sagen: Wir akzeptieren zwar die amerikanische Anwesenheit zur Zeit noch, solange, bis man genügend irakische Sicherheitskräfte, genügend irakische Armee ausgebildet hat, aber wir wollen nicht, dass sie lange da bleiben. Wir wollen zum Beispiel nicht, dass sich permanente Basen einrichten. Und das wird dann ein Parlament haben und eine Regierung, die aus diesem Parlament hervorgeht, die in Verhandlungen mit den Amerikanern eintreten, um einen Abzug innerhalb der nächsten zwölf bis 24 Monate vorzubereiten. Das wäre eine gesunde Entwicklung, wenn das so wäre, und ein bisschen ist es natürlich so, dass wir auch auf der amerikanischen Seite mittlerweile viel weniger Interesse daran haben, langfristig im Irak zu bleiben. Man hat sich das ja alles sehr viel leichter vorgestellt, hat gedacht, das wird leicht sein, im Irak eine zumindest permanente Anwesenheit in Form von Truppenbasen zu installieren, hat nicht erwartet, dass es so viel Widerstand geben wird gegen die amerikanische Anwesenheit. Simon: Sie halten sich zur Zeit in der ägyptischen Hauptstadt Kairo auf, eine letzte Frage, mit der Bitte um eine kurze Antwort: Ist das Interesse dort vorhanden an den Wahlen im Irak? Perthes: Das Interesse ist hier, aber wir haben ein bisschen Widerspruch insofern, als die Regierung sagt, sie unterstützt die Wahlen und die öffentliche oder veröffentlichte Meinung sehr, sehr kritisch ist, und sagt, das sind Wahlen unter amerikanischer Aufsicht, die können nicht demokratisch und frei sein. ©Deutschlandfunk2005