Müller: Ich begrüße am Telefon Denis MacShane, bis vor kurzem Europaminister unter Tony Blair. Herr MacShane, wie viele haben sich denn in der Blair-Regierung gefreut über die Abstimmungsniederlage zur EU-Verfassung? MacShane: Das ist leider ein schrecklicher Schock: Frankreich, Republik, ein von einem sehr zentralisierten Staat dominiertes Land - ein klares Nein; Niederlande, Monarchie, ein liberales Land, freie Wirtschaftsnation - auch ein klares Nein. Müller: Und wie ist das in Großbritannien aufgenommen worden? Gab es Kräfte in der Labor-Partei, die da gesagt haben, das geschieht Europa Recht? MacShane: Nein, für uns ist es ein Niederschlag. Wir wollten diese Verfassung und diesen Vertrag. Es wäre gut für England: mehr Kräfte für das Parlamentshaus, mehr Kräfte für die Nation, eine kleinere Kommission, aber leider ist die Verfassung jetzt tot. Man kann nicht eine Verfassung haben, ohne dass jeder von 25 Staaten die Verfassung ratifiziert und jetzt ist die Ratifikation unmöglich. Müller: Wenn wir jetzt einmal die konkrete Entwicklung in der vergangenen Woche ganz kurz ausblenden, ist die britische Bevölkerung denn bereit gewesen, Ja zu sagen? MacShane: Ich glaube nicht, ich denke, diese Idee, dass man mit einer toten Verfassung weitergehen soll, ist ganz sinnlos, das heißt, in der tschechischen Republik, in Polen und in Dänemark ist es unmöglich, ein Ja zu geben. Wenn morgen Frankreich und die Niederlande ein zweites Referendum, eine Volksabstimmung organisieren und ein Ja kriegen, dann können wir vielleicht sprechen bis zu diesem Punkt. Man muss die ganze Sache auf Eis legen. Müller: Wissen Sie, was Tony Blair jetzt tun wird? MacShane: Ja, ich denke, dass wir eine Pause brauchen, das heißt, man muss ein bisschen Atem nehmen, überdenken, wie ist die ganze europäische Idee so weit von den Stimmen aller die wählen, gekommen. Und dafür brauchen wir eine lange Atempause um nachzudenken. Wir haben alle zu viel die Augen auf diese Verfassung gerichtet und haben nicht daran gedacht, was unsere Wähler denken. Müller: Gerhard Schröder und Jacques Chirac haben ja an diesem Wochenende gesagt, wir machen weiter in diesem Ratifizierungsverfahren, beim Ratifizierungsprozess, wir wollen uns nicht beirren lassen auf dem Weg zur weiteren europäischen Vertiefung. Ist das aus britischer Sicht naiv? MacShane: Nein, das ist eine gute Verfassung, aber ich verstehe nicht, wie der Präsident Chirac diese Sache sagen kann, wenn er einen Misserfolg in seinem eigenen Land erlitten hat. So dürfen wir mit dieser Verfassung nicht weitergehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass zum Beispiel - wir brauchen hier in England ein sehr schwieriges, neues Gesetz, wenn wir ein Referendum organisieren wollen und es braucht viele, viele parlamentarische Schritte für dieses Gesetz, durch die zwei Parlamentskammern - und im House of Lords haben wir eine sehr Euro-skeptische Mehrheit - ein Gesetz zu bekommen. Und das ist absolut sinnlos, hier in England den ganzen Sommer im Parlament einem Gesetz, für ein Referendum zu widmen, wenn wir Dank Frankreich und Niederlande keine Chance auf ein Ja haben. Müller: Das bedeutet, ein Referendum in Großbritannien, das wird Jahre dauern? MacShane: Ich glaube, es ist jetzt, Dank des Neins von den Niederlanden, die Briten stehen den Niederländern sehr nahe, auch Dank des Neins aus Frankreich, es ist schwer zu sehen - in Dänemark oder allen europäischen Ländern, wo noch ein Referendum abgehalten werden muss, ein Ja zu kriegen. Müller: Denis MacShane war das, bis vor kurzem Europaminister unter Tony Blair. ©Deutschlandfunk 2005