Meurer: Die Gewerkschaft ver.di schlägt Alarm für den Lehrstellenmarkt. Die Lage sei so dramatisch, wie seit sieben oder acht Jahren nicht mehr, hieß es gestern. Dieses Jahr würden 200.000 Ausbildungsplätze fehlen, so die düstere Prognose von ver.di. Auch die Bundesagentur für Arbeit präsentiert eher schlechte Zahlen, bislang sind danach zehn Prozent weniger betriebliche Lehrstellen angeboten worden, als noch im letzten Jahr. Dabei gibt es ja seit dem Jahr 2004 den Ausbildungspakt mit der Wirtschaft. Darin hatte sich die Wirtschaft verpflichtet, drei Jahre lang jährlich 30.000 zusätzliche Lehrstellen zu schaffen. Am Telefon begrüße ich nun Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, SPD. Guten Morgen, Frau Bulmahn. Bulmahn: Guten Morgen, Herr Meurer. Meurer: Sie wollen ja heute gemeinsam mit der Wirtschaft eine Zwischenbilanz des Ausbildungspaktes ziehen. Wie viele Lehrstellen für die Jugendlichen werden fehlen? Bulmahn: Es fehlen nach den letzten Zahlen aus dem Mai doch noch rund 175.000. Und die gilt es in den kommenden Wochen und Monaten auch noch zu erreichen. Dass das möglich ist, zeigt im übrigen das letzte Jahr. Auch im letzten Jahr hatten wir eine vergleichbare große Lücke noch im Frühsommer. Im letzten Jahr ist es uns gelungen, diese Lücke dann noch bis zum Ende des Jahres zu schließen. Und genau darum geht es auch heute und in den kommenden Wochen, dass wir diese Lücke bis zum Ende des Jahres schließen müssen, auch wollen und alle Anstrengungen unternehmen müssen, damit dieses Ziel dann auch erreicht wird. Meurer: Wie wollen Sie denn die Lücke noch schließen bis zum September? Bulmahn: Indem in den Betrieben selber direkt um Ausbildungsplätze geworben wird, das ist ja Bestandteil der Vereinbarung im Pakt, dass in den Betrieben durch die Kammern selber geworben wird. Die Bundesregierung von ihrer Seite aus unterstützt Unternehmen und Betriebe, zum Beispiel bei der Schaffung von Ausbildungsverbünden, weil wir ja eine ganze Zahl von sehr kleinen Unternehmen haben, die teilweise keine Erfahrung in der Ausbildung haben. Sie werden unterstützt, begleitet, wenn sie ausbilden, durch einen solchen Ausbildungsverbund. Mein Ministerium hat ja eine große Initiative gestartet, um diese Betriebe eben auch für Ausbildung zu gewinnen. Also wir werben und drängen, auch direkt in den Betrieben. Wir geben aber auch die notwendige Unterstützung. Meurer: Sind 30.000 zusätzliche Lehrstellen, die die Wirtschaft im Ausbildungspakt zugesagt hat, zu wenig? Bulmahn: Die Wirtschaft hat ja jedes Jahr 30.000 neue Ausbildungsstellen zugesagt, plus noch einmal 25.000 so genannte Einstiegsqualifikationsstellen, für die Jugendlichen, die zum Beispiel noch nicht genau wissen, welchen Beruf sie ergreifen wollen, die einfach alle Möglichkeit auch brauchen, sich zu informieren. Und auch für die Jugendlichen, die mit sehr schlechten schulischen Voraussetzungen sich um eine Lehrstelle bewerben, sind diese Plätze eine gute Einstiegsmöglichkeit. Das zeigt sich im übrigen auch jetzt schon, weil diese Plätze von Jugendlichen auch sehr gut genutzt werden, sehr gut angenommen werden. Auch das muss man miteinbeziehen. Also von daher sage ich noch einmal ausdrücklich, es wäre es völlig falsch jetzt zu sagen, es klappt nicht, sondern es kommt jetzt genau darauf an, alle Kräfte zu mobilisieren, alle Kräfte einzusetzen, damit das Ziel erreicht wird. Meurer: Rückblickend auf die Verabschiedung letztes Jahr des Ausbildungspaktes betrachtet, Frau Bulmahn, muss man heute sagen, ein bisschen mehr hätte man die Wirtschaft doch fordern sollen? Bulmahn: Man könnte sagen, dass der Pakt in diesem Jahr vor seiner eigentlichen Bewerbungsprobe steht. Wir haben ja den Pakt für drei Jahre beschlossen. Im letzten Jahr haben wir das Ziel erreicht: Wir haben allen Jugendlichen ein Angebot machen können. Und sicherlich bekommt auch nicht immer jeder Jugendliche den Ausbildungsplatz, den er ganz an der ersten Stelle für sich selber sah. Aber es hat sich schon gezeigt, dass wir durch die unterschiedlichen Angebote, die gemacht werden konnten, doch wirklich es geschafft haben, sehr, sehr vielen, wie gesagt allen Jugendlichen ein Platzangebot zu machen. Und das muss in diesem Jahr erreicht werden. Es kommt ja immer darauf an, Herr Meurer, dass wir in den Betrieben die Ausbildungsplätze schaffen. Und dafür brauchen wir eben auch die Betriebe, die Unternehmen, die sagen "ja, wir machen mit", die sich ihrer Verantwortung wirklich auch stellen, sich nicht entziehen. Und natürlich sage ich auch ganz klar, dass jedes Unternehmen selber eine ganz große Verantwortung hat, auch für seinen eigenen Nachwuchs zu sorgen. Ein Unternehmer hat einmal vor kurzem zu mir gesagt, wenn Unternehmer sich über ihre Mitarbeiter beschweren, dann haben sie selber Schuld, denn jedes Unternehmen muss auch selber Verantwortung übernehmen, dass er seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut ausbildet. Meurer: Wie viele Unternehmen entziehen sich denn ihrer Verantwortung? Bulmahn: Noch zu viele. Wir haben immer noch über 70 Prozent von Unternehmen, die nicht ausbilden. Und das sind die Unternehmen, die wirklich jetzt sich einen Ruck geben müssen und die sagen müssen "Ja, wir machen mit. Wir stellen uns nicht ins Abseits. Wir machen mit und wir übernehmen unsere Verantwortung". Meurer: Bei 70 Prozent, die nicht ausbilden, fragt sich, hätte man vielleicht doch die Ausbildungsabgabe platzieren sollen? Bulmahn: Da muss man auch ein wenig genauer hinschauen, weil bei diesen 70 Prozent natürlich auch sehr viele ganz kleine Unternehmen sind, Unternehmen mit ein oder zwei Beschäftigten. Über die will ich jetzt nicht reden. Ich will die Unternehmen wirklich auch in die Verantwortung nehmen, die zum Beispiel 40, 50 Beschäftigte haben, die 20 Beschäftigte haben. Diese Unternehmen können ausbilden, sie sollten ausbilden, sie müssen ausbilden. Und wie gesagt, wenn sie keine Erfahrung in der Ausbildung haben, dann erhalten sie Unterstützung über die Kammern, über unsere Programme. Also für diese Unternehmen gibt es keine Entschuldigung, sich zu entziehen. Meurer: Wo ist die Lage besonders schwierig? In Ostdeutschland? Bulmahn: Nein, die Lage hat sich in Ostdeutschland deutlich verbessert. Hier haben unsere ganzen Initiativen wirklich gewirkt. Es kommt auch hinzu, dass auch aufgrund der demographischen Entwicklung in Ostdeutschland inzwischen die Zahl der Jugendlichen, die Ausbildungsplatz suchen, auch deutlich gesunken ist. Wir haben in den wirtschaftlich schwierigen Gebieten, gerade in den alten Bundesländern, auch eine ganz besonders schwierige Situation, wobei es auch da wiederum unterschiedlich ist. Es gibt Regionen, die kein großes Wirtschaftswachstum haben, wo es aber trotzdem klappt, von daher sage ich jetzt auch einmal, das zeigt auch, dass auch die Unternehmen, die ihre Verantwortung wirklich wahrnehmen, auch ein bisschen langfristiger in die Zukunft gucken. Zum Beispiel im Weser-Ems klappt die Ausbildungsvermittlung sehr gut. Es ist sicherlich nicht eine der Regionen, die zu den ganz besonders blühenden Wirtschaftsregionen in Deutschland gezählt wird. Trotzdem klappt da die Ausbildung gut, trotzdem übernehmen die Unternehmen Verantwortung. Und das erwarte ich von allen in ganz Deutschland. Meurer: Lässt die Ausbildungsbereitschaft nach, weil man weiß, die Abgabe kommt nicht, schon gar nicht, wenn die CDU die Wahl gewinnt? Bulmahn: Das hoffe ich nicht, weil die Verantwortung, die Unternehmen haben gegenüber den jungen Menschen, nicht abhängig gemacht werden darf von Wahlterminen. Das wäre nun wirklich völlig verantwortungslos gegenüber den jungen Leuten, denn die brauchen die Ausbildungsplätze jetzt. Die suchen jetzt eine Lehrstelle und die brauchen jetzt eben auch das Angebot. Und denen zu sagen, jetzt wartet noch ein Jahr, das wäre wirklich, muss ich sagen, absolut verantwortungslos. Meurer: Das war Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, SPD. Besten Dank. ©Deutschlandfunk 2005