Heinlein: Nun also ist die Katze ein bisschen mehr aus dem Sack. Staatsmännisch verkündete der Kanzler gestern in exakt zwei Minuten ein weiteres Detail seiner Neuwahlstrategie. Kein Rücktritt und keine Verknüpfung der Vertrauensfrage mit einem Sachthema. Dennoch bleibt weiter offen, wie genau der Weg zu Neuwahlen im Herbst aussehen soll. Viel Raum also nach wie vor für Spekulationen, Falschmeldungen und halbherzige Dementis. Symptome der politischen Stimmung derzeit in Berlin. Nichts scheint unmöglich in diesen Tagen. Es regiert die Gerüchteküche in der Hauptstadt. Vor allem in der SPD herrscht Ratlosigkeit und Resignation. Kakophonie ist der Ton der Stunde. Auch der Koalitionspartner wird in Mitleidenschaft gezogen. Man geht schrittweise auf Distanz zu den Sozialdemokraten. Der eigenwillige Kurs des Kanzlers wird von vielen Grünen nur widerwillig akzeptiert und darüber möchte ich jetzt sprechen mit Verbraucherschutzministerin Renate Künast. Guten Morgen!

Künast: Guten Morgen Herr Heinlein.

Heinlein: Frau Künast, seit gestern sind wir also wieder ein Stückchen schlauer. Jetzt ist klar: die Vertrauensfrage wird nicht an eine Sachfrage gekoppelt. Halten Sie dies für die richtige Vorgehensweise?

Künast: Der Kanzler hat ja ein Stück Klarheit geschaffen. Ich glaube wenn, dann liegt jetzt die falsche Vorgehensweise darin, sich immer mit der Frage genau zu beschäftigen, wie es gehen wird. Der Kanzler wird es dann entsprechend am 29. Juni konkret vorschlagen. Ich würde mich viel lieber über Programme und Ideen, Deutschland weiter voranzubringen, unterhalten.

Heinlein: Haben Sie denn so viel Geduld bis zum 1. Juli, oder würden Sie lieber vorher wissen, mit welcher verfassungskonformen Begründung Gerhard Schröder die Vertrauensfrage stellen wird?

Künast: Ich habe an solcher Stelle gelernt, geduldig zu sein. Wir haben mit dem Bundeskanzler ausgemacht, dass er die Details mit dem Vizekanzler, also Joschka Fischer, auch vorher bespricht und damit kann ich leben. Deshalb sind wir als Grüne längst in einer Situation, in der wir sozusagen Bilanz ziehen über rot/grün, in der wir sagen, dass rot/grün weiterhin unser Projekt ist, und klar ist, wir wollen möglichst starke Grüne. Deshalb beschäftigen wir uns mit Inhalten.

Heinlein: Haben Sie denn noch Vertrauen zum Kanzler?