Thoma: : Herr Dudenhöffer, Sie sagen, zwei Rücktritte bei VW reichen nicht. Sie fordern "groß Reinemachen" dort. Wie meinen Sie das? Dudenhöffer: : Im Prinzip sollte VW neu ausgerichtet werden. Pischetsrieder und Bernhard bereiten einen neuen Weg für VW vor, der langfristig ertragreich ist, der langfristig VW wettbewerbsfähig macht. Dazu müssen die alten Bekanntschaften, die man im VW-Konzern gepflegt hat, weiter auseinandergerückt werden. Man braucht eine klare Trennung zwischen Managemententscheidungen, Betriebsratsentscheidungen und den Landesentscheidungen. Man muss VW in der Weise zukunftsfähig machen - da führt überhaupt kein Weg dran vorbei -, dass man die Lohnkostenstrukturen, die Arbeitsflexibilität in Wolfsburg, aber auch in anderen westdeutschen Werken stark nach unten anpasst. All das ist in den letzten zehn Jahren unter Piëch ja nicht passiert, einfach deshalb, weil man zu eng, zu intim, zu oft mit dem Betriebsrat, der IG-Metall und dem Land gemeinsame Sache gemacht hat, und diese gemeinsame Sache hat dem Unternehmen geschadet. Thoma: : Das heißt also auch weitere personelle Konsequenzen, der Betriebsrat soll komplett zurücktreten und Ferdinand Piëch auch als Aufsichtsratsvorsitzender? Dudenhöffer: : Das wäre die beste Lösung in dieser Krise, die eine Neuausrichtung gewährleistet, bei der - und das ist sehr wichtig - bei den Mitarbeitern neues Vertrauen zurückgewonnen werden kann. Kein Mitarbeiter bei VW, weder in Deutschland noch im Ausland, hat heute noch Vertrauen zu seinem Betriebsrat. Der Gesamtbetriebsrat ist erheblich beschädigt. Es war ja nicht nur Volkert, der in dieser Affäre verwickelt ist, sondern auch Osterloh, der die ganze Zeit ja mit im Gesamtbetriebsrat war, musste nach meiner Einschätzung darüber Kenntnis haben, mit welchen Bedingungen man da zusammengearbeitet hat, die anderen Mitglieder auch. Da gibt es nur einen Weg, den Weg nach vorne antreten, sich den Beschäftigten neu stellen, den Beschäftigten ein neues Programm für Transparenz zeigen, für die Beschäftigten arbeiten und dann das Vertrauen zurückgewinnen. Alles andere ist ein Weg mit Augen zu und durch die Krise und wird das Ansehen des Betriebsrates langfristig erheblich schädigen, wird das Ansehen der IG- Metall weiter verschlechtern in Deutschland, und die Austritte aus der IG-Metall werden langfristig fortgesetzt werden. Die IG-Metall und der Betriebsrat wären die größten Verlierer, wenn man jetzt einfach dieses Spiel weiter so spielt. Thoma: : Sie haben Bernd Osterloh angesprochen. Er hat Transparenz angekündigt - er ist ja der neue Betriebsratschef bei VW. Aber Sie sagen, er ist auch mit drin gewesen in diesem Spiel. Müsste er auch zurücktreten beziehungsweise gar nicht erst Betriebsratschef werden? Dudenhöffer: : Schön wäre es, wenn der Gesamtbetriebsrat zurücktreten würde und um neues Vertrauen der Mitarbeiter kämpft. Aber das, was Herr Osterloh angekündigt hat, war nicht mehr als eine Wortblase. Er hat gesagt, transparente Kassen. Was er darunter versteht, wie er das meint, wie er es umsetzen will, das ist überhaupt nicht ausgeführt worden. Das ist ein kurzfristiges Argumentieren, um Positionen zu verschleiern. Nein, was notwendig ist, ist die Offenlegung von Gesamtbetriebsratsmitgliedern, von ihren Gehältern und von ihren Nebeneinkünften, so wie es bei jedem Manager im Vorstand gemacht wird. Die beiden Gremien sind ja fast gleichwertig. Von daher wäre es sehr wichtig, dass jedes Gesamtbetriebsratsmitglied sehr transparent in diesen Dingen ist, dass es kontrolliert und geprüft wird durch Wirtschaftsprüfer und das dann wie beim Management zum Beispiel im Geschäftsbericht des Unternehmens zu lesen ist. Wenn wir so eine Transparenz haben, dann können wir sicher sein, dass diese Sachen, die wir in den letzten Wochen gehört haben, viel seltener vorkommen und dass die Mitarbeiter wieder Vertrauen haben. Es spricht nichts dagegen, dass der Betriebsrat viel Geld verdient, wenn er gute Leistungen erbringt. Allerdings was dagegen spricht, ist Intransparenz unter Bedingungen, die - wie gesagt - dazu führen können, dass eben Scheingeschäfte und Ähnliches passieren, die aufs Schärfste zu verwerfen sind. Thoma: : Nun wirbt VW ja immer als das Vorzeigemodell für die Zusammenarbeit von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, dass man eben auch die Arbeitsplätze sichern kann, das Modell "5000 Mal 5000" zum Beispiel. Trotzdem: Waren diese Auswüchse letztendlich unvermeidlich, wenn Arbeitgeberseite und Betriebsrat so eng zusammenarbeiten? Haben Sie das kommen sehen? Dudenhöffer: : Unvermeidlich natürlich nicht. Allerdings steigt das Risiko, wenn man sich gegenseitig immer wieder zustimmt, um dann grünes Licht für irgendwelche Projekte zu erhalten. Dieses freundschaftliche Geschenke Geben fördert natürlich eine Mentalität, bei der irgendwann Grenzen überschritten werden können, so wie es jetzt bei VW der Fall ist. Also das Risiko in so einem System, dass es schief gehen kann, ist das Erhebliche. Thoma: : Ist das also nur ein VW-Problem, oder sind andere Automobilhersteller in Deutschland da möglicherweise auch gefährdet? Dudenhöffer: : Das ist ein typisches VW-Problem, weil bei keinem Automobilhersteller Betriebsrat, Gewerkschaft und Land, was eine tragende Rolle spielt, so stark mit dem Management vernetzt sind. In anderen Unternehmen hat man eine klare Führungsstruktur, eine klare Aufsichtsratstruktur, der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand und der Vorstand ist unabhängig. Solche Gremien erlauben eben nicht, dass solche Skandale, solche Verfilzungen zu Stande kommen. Thoma: : Der neue Markenchef Wolfgang Bernhard hat angekündigt, VW werde durch eine längere Talsohle gehen. Glauben Sie, dass VW sich relativ schnell wieder auf die Beine stellen kann? Dudenhöffer: : Mit Bernhard hat VW das Potential, langfristig am Markt ertragreich zu sein, seine Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Aber Bernhard braucht Freiraum. Bernhard muss die Kostenrelationen anschaffen. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder schafft er es, in Deutschland die Modelle wie "Drei Schichten" oder "Flexibilität" durchzusetzen, sprich Arbeitskosten in Deutschland zu reduzieren, oder er muss mittel- und langfristig Kapazitäten in Deutschland anpassen, das heißt Schließungen in Deutschland vornehmen beziehungsweise Beschäftigungsabbau machen. Nur diese beiden Möglichkeiten hat er. Wenn er das macht, dann bin ich sicher, dass er in der Zukunft mit einer starken Marke VW, mit starken Produkten die Jobs, die VW weltweit zu bieten hat, langfristig sichert und VW zum sehr spannenden, interessanten Unternehmen macht. Thoma: : Vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2005