Moderation: Gerd BrekerBreker: Am Telefon begrüße ich nun den Vorsitzenden des Islamrates, Ali Kizilkaya. Die Terroristen, Herr Kizilkaya, beleidigen Ihren Glauben. Sie müssen sich wehren. Kizilkaya: Ja, leider. Das ist in der Tat der Fall. Die Muslime sind doppelt Opfer: Einmal, weil ihre Religion missbraucht wird, und zum anderen in der Folge, dass sie leider immer wieder unter Generalverdacht gestellt werden und dafür verantwortlich gemacht werden, teilweise. Oder sich immer wieder rechtfertigen müssen oder immer wieder distanzieren müssen. Breker: Herr Kizilkaya, es kann ja nicht reichen, dass man sich einfach nur distanziert. Sie müssen aktiv etwas tun. Sie müssen aktiv deutlich machen, dass Sie Mörder nicht tolerieren. Kizilkaya: Ja das tun wir seit Jahren, denn die Mörder, die kommen ja auch nicht aus unseren Reihen - Gott sei Dank nicht. Und sie finden in der Regel auch in unseren Moscheen keinen Platz. Also, es ist natürlich selbstverständlich, dass man sich davon distanziert und aktiv dagegen etwas tut. Denn es ist eine Bedrohung - wie ich eingangs gesagt habe - nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch eine Bedrohung für Muslime. Also sie sind ja ein Teil dieser Gesellschaft. Breker: Was kann man denn tun, um zu verhindern, dass in islamischen Gemeinschaften, rund um Moscheen, dass dort rekrutiert wird von Terroristen? Kizilkaya: Also in der Regel geschieht das nicht in den Moscheen. Meistens geschieht das außerhalb der Moscheen, weil Moscheen öffentliche Räume sind. Zum anderen, weil auch die Moscheegemeinden so was nicht dulden würden. Wir leiden sehr stark unter dem schiefen Bild, was durch die Terroristen erzeugt wird, und deswegen würden wir so etwas nie dulden. Und diese Menschen würden in der Regel auch nicht in die Moscheen kommen. Breker: Sehen Sie sich in der Situation, dass Sie inzwischen gezwungen sind, mit Sicherheitsbehörden, mit deutschen Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten? Kizilkaya: Gezwungen, weiß ich nicht. Aber es ist in unserem Interesse, zusammenzuarbeiten - aber mehr mit der Politik als mit Sicherheitsbehörden, denn es ist eine gemeinsame Herausforderung. Solange die Muslime keine Anerkennung finden, also nicht als gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft angesehen werden und nur als Sicherheitsfaktor in dieser Gesellschaft behandelt werden, kann das nicht gut klappen. Da muss die Politik auf Muslime zugehen und ihnen das Gefühl geben, dass sie zu dieser Gesellschaft gehören und dass sie dann auch ihre Verantwortung wahrnehmen und ihren Beitrag leisten. Aber wenn man von flächendeckender Videoüberwachung von Moscheen spricht, fördert das die Integration, das Vertrauen nicht sehr. Breker: Die Islamisten wollen ja in gewisser Weise, Herr Kizilkaya, die Weltherrschaft des Islam. Müssen die Moslems in Deutschland, die auf Toleranz aus sind, nicht ganz deutlich machen: Hier sind wir und wir sind nicht mit denen zu verwechseln? Kizilkaya: Das ist in der Tat wichtig und das tun sie. Vielleicht liegt das daran, dass diese Positionen nicht so stark in die Gesellschaft gelangen, weil die Muslime auch ein Kommunikationsproblem mit dieser Gesellschaft haben. Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dass Muslime in Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft sind, die erst seit den letzten zehn Jahren einigermaßen sich der Sprache mächtig in die Gesellschaft einbringen können. Es ist nicht einfach. Auch die Tschechen haben es nicht ganz schnell geschafft, an den Punkt zu gelangen, wo sie sind. Aber es gibt Fortschritte. Es ist ein Prozess, auch die Integration ist ein Prozess. Sie ist voll im Gange - sie darf aber durch politischen Aktionismus und Hysterie nicht gestört werden. Breker: Aber Sie sehen, Herr Kizilkaya, dass dieser Prozess der Integration auch eine Bringschuld von Ihrer Seite ist? Kizilkaya: Ja selbstverständlich hat jeder Teil seinen Beitrag zu leisten. Aber Integration heißt nicht nur, in eine Gesellschaft ankommen, sondern auch von der Gesellschaft angenommen zu werden. Solange Sie vor verschlossenen Türen stehen, sind Sie dann irgendwann frustriert und das ist gefährlich und dem sollten wir entgegenwirken und dem sollten wir gemeinsam entgegenwirken. Die Politik darf sich den Luxus nicht leisten, nur Forderungen zu stellen und kaum Förderung. Breker: Und Sie sind bereit, Ihren Teil zu tun? Kizilkaya: Selbstverständlich. ©Deutschlandfunk 2005