Thoma: Sie müssen wirklich zusehen, wie Menschen sterben, verhungern und können wenig tun? Wiegand: Wir können einiges tun und das tun wir auch schon seit Januar 2005. Wie Sie schon angedeutet haben, hat sich die Weltöffentlichkeit nur sehr spät mobilisiert. Das liegt an verschiedenen Phänomenen. Zum einen gab es in Niger 2004 Wahlen. Diese Wahlen haben die lokale Elite hier sehr in Anspruch genommen. Zum anderen hat der Tsunami die Öffentlichkeit, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit monopolisiert und wir haben in der Tat vergeblich bis April auf Spenden gewartet. Thoma: Nun haben Sie aber schon auch alarmiert und gesagt, das wird ganz schlimm werden. Woran liegt es, dass es dann die Öffentlichkeit nicht erreicht? Vielleicht auch an den Hilfsorganisationen, dass da dann ja irgendwie die Öffentlichkeitsarbeit nicht stimmt? Wiegand: Ich glaube, die Öffentlichkeitsarbeit stimmt - nur hat der Tsunami, weil eben so spektakulär und elementar eingetreten in Asien, die Aufmerksamkeit monopolisiert. Und da muss man ja bedenken, dass auch viele europäische Touristen davon betroffen waren, während hier im Niger seit Januar die Menschen hungern - und auch am Hunger sterben -, das aber im Stillen vor sich geht, in den Dörfern, die jenseits jeder asphaltierten Straße liegen, so dass die Dinge nicht so anschaulich zu präsentieren sind wie in einer so elementaren Naturkatastrophe wie der Tsunami. Thoma: Nun ist der Tsunami auch schon über ein halbes Jahr her. In der Zeit hätte noch viel passieren können. Jetzt ist es ja plötzlich so weit, dass man diese schrecklichen Bilder auch im Fernsehen sieht. Glauben Sie denn, dass die Hilfe jetzt endlich anläuft? Merken Sie schon was davon? Wiegand: Wir merken es schon und wir sind dankbar dafür. Wir haben fünf Ernährungszentren auf Hochtouren laufen, in Tahoua, in Maradi, in Zinder, in Niamey und in Tillabéri. Wir haben immer einen riesigen Andrang an akut unterernährten Kindern, die ambulant und stationär behandelt werden. Wir haben jetzt die Möglichkeit, auch Medikamente zu besorgen und an Lebensmittel zu kommen. Lokal haben sich die Preise der Lebensmittel verdoppelt. Die Menschen sind am Ende mit ihren Reserven. 90 Prozent der Bevölkerung im Niger lebt auf dem Lande, von der Landwirtschaft, für den Eigenbedarf. Sie haben kein Kapital, sie haben keine Reserven. Sobald sich klimatisch irgendetwas verändert, reagieren die sehr sensibel darauf. Die letzten Strategien, die noch möglich waren - eben die Nutztiere zu verkaufen, Saatgut zu verkaufen, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen -, die sind jetzt auch am Ende. Also, der Niger ist auf internationale Solidarität angewiesen. Und die Hilfe kommt jetzt - spät, aber es ist noch nicht zu spät. Wir haben noch drei Monate vor der nächsten Ernte, um die Kinder durchzubringen und um den Erwachsenen wieder Kraft zu geben, um auch für die nächste Ernte jetzt ihr Land zu bearbeiten. Thoma: Ist es denn richtig, dass schon Tausende von Kindern in Niger gestorben sind? Wiegand: Das kann man jetzt nur schätzen. Wir haben in der Tat viele Kinder aufnehmen müssen, die von ihren Eltern schon aufgegeben wurden, weil sie nicht nur etwa unterernährt sind - was ja ihre Immunität schwächt -, sondern auch jetzt von Malaria und von Durchfallerkrankungen geschwächt werden, so dass in der Tat die Kindersterblichkeit weiter steigen wird, wenn wir jetzt nicht noch mehr unsere Kräfte mobilisieren und vor Ort - auch auf Dorfebene - eingreifen können, mit mobilen Mannschaften, und die Kinder eben auch die Kliniken bringen. Kinder, die in der Tat enorme Schwierigkeiten haben im Moment. Thoma: Sie haben gesagt, "noch mehr Kräfte mobilisieren" - können Sie mal beschreiben, wie so ein normaler Arbeitstag oder Tag für Sie jetzt im Moment aussieht? Wiegand: Wir haben im ganzen Lande Freiwillige mobilisiert, über die Gemeindestruktur hier, mit der die Caritas Niger arbeitet. Die Freiwilligen sind ausgebildet, sind willig und einsetzbar. Es fehlen halt oft nur die Mittel, die finanziellen Mittel, die Mittel in Form von Medikamenten, in Form von Nahrungsmittel, um sie dann konkret an die Menschen zu bringen. Wir haben mehrere Verteilzentren im Land - die sind überlaufen. Wir müssen noch mehr tun. Der Wille ist da und die Kräfte sind mobilisiert. Es fehlt immer noch an finanziellen Mitteln, um auch die Logistik so weit auf die Höhe der Dinge zu bringen. Thoma: Also Sie sind mit mehr mit dem Organisieren beschäftigt als jetzt konkret, ja, den Menschen direkt zu helfen? Wiegand: Ich bin hier in Niamey für die Gesamtkoordination zuständig. Andere Professionelle - Kranschwestern, Ärzte - helfen konkret vor Ort, in Maradi, in Tahoua, in Tillabéri, und die machen ihre Arbeit vor Ort. Thoma: Haben Sie den Eindruck, dass die Regierung und die Behörden im Niger auch, ja, mit dabei sind, helfen, oder behindern die die Arbeit gelegentlich auch? Wiegand: Es gibt jetzt eine gute Koordination. Und wir versuchen alle, Hand in Hand zu arbeiten, um dieser Krise mächtig zu werden. Ich sehe da im Moment keine Schwierigkeiten. Thoma: Wie sieht das denn konkret aus, wenn Sie die Menschen sehen, denen geholfen wird? Was sagen die Ihnen? Empfinden die Dankbarkeit oder ist das tatsächlich jetzt auch letzten Endes für Sie, ja, Hilfe, Hilfe, Hilfe, aber man hat gar nicht das Gefühl für, gar nicht die Zeit für Emotionen und auch persönliche Gespräche? Wiegand: Wir haben in der Tat einen sehr hohen Andrang an Menschen, die schon seit Monaten auf die Hilfe warten und die jetzt die Hilfe, die wir bringen, sehr dankbar entgegennehmen. Sie sind allerdings sehr geschwächt. Sie haben von ursprünglich drei Mahlzeiten in den letzten Monaten nur noch eine Mahlzeit - wenn überhaupt - am Tag bekommen können. Und diese Mahlzeit besteht aus Hirsebrei, der immer wässriger wurde, weil eben die Hirse immer teurer wurde und die eigenen Reserven erschöpft waren. Die Solidarität auf der Dorfebene funktioniert auch nicht mehr, weil die letzten Reserven ausgeschöpft worden sind. Thoma: Nun hat es ja vor gut zwei Wochen diese großen Live8-Konzerte gegeben für Afrika, da war die Öffentlichkeit dabei und ist die Aufmerksamkeit auch groß; beim G8-Gipfel wurden Milliarden-Hilfen für Afrika beschlossen, die jetzt aber nicht unbedingt gleich in Westafrika ankommen - was empfinden Sie, wenn Sie diese Bilder vielleicht auch gesehen haben von diesen Konzerten? Wiegand: Ich finde, jede Initiative ist willkommen. Nur muss die kontinuierlich stattfinden und nicht nur gelegentlich auf der Agenda stehen und dann wieder in Vergessenheit geraten. Auch nach dieser Krise braucht der Niger dringend Hilfe: Die Bauern müssen wieder an Kapital kommen, sie müssen ihre eigene Entwicklung in die Hand nehmen können. Darum wünsche ich mir, dass - um dem Land auch langfristig Perspektiven bieten zu können - die Aufmerksamkeit weiter sich auch auf Afrika und die Probleme in Afrika richten wird. Und nicht nur gelegentlich aufgrund der einen oder anderen Initiative kurzfristig entsteht. Thoma: Wenn die Probleme so schlimm sind wie im Moment, ist wahrscheinlich das größte Problem dann auch für einen selber, sich zu motivieren, immer weiter zu machen? Das gilt für die Menschen und auch für die Helfer? Wiegand: Natürlich. Aber die Motivation ist sehr groß und wir sind jeden Tag im Einsatz und versuchen wirklich, die Lage einigermaßen zu stabilisieren und zu kontrollieren. © Deutschlandfunk 2005