Meurer: In Bagdad steht es Spitz auf Knopf, die Sunniten wollen bislang nicht der neuen Verfassung zustimmen. Unter Saddam Hussein waren sie die dominierende Kraft im Irak. Jetzt fürchten sie, als Minderheit zu kurz zu kommen. Die Sunniten können im Verfassungsausschuss überstimmt werden. Aber es gibt eine Klausel und aufgrund dieser Klausel können sie die Verfassung später dann doch im Oktober bei der Volksabstimmung zu Fall bringen. In Bagdad begrüße ich Mamo Farhan Othman, er ist Kurde und war in der Übergangsregierung des Irak Minister für den Aufbau der Zivilgesellschaft. Guten Morgen. Othman: Guten Morgen. Meurer: Es sieht ja so aus, als wollten Kurden und Schiiten die Verfassung verabschieden ohne die Sunniten. Wie klug ist es Ihrer Meinung nach, wenn die Verfassung tatsächlich ohne die Sunniten verabschiedet wird? Othman: Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer haben darüber abgestimmt. Die Sunniten, nicht alle Sunniten aber einige davon, das heißt eine Gruppe oder zwei Gruppen davon, haben darüber nicht abgestimmt. Sie sind dagegen bezüglich Föderalismus und Verteilung von Ressourcen. Darüber hinaus geht es nicht um die Verfassung, sondern die Sunniten haben andere Probleme, auch mit Schiiten und mit Kurden. Sie sind für den kurdischen Föderalismus aber gegen einen schiitischen Föderalismus. Das ist der ausschlaggebende Grund, dass die Kriterien zwischen Sunniten und Schiiten immer vertieft wurde. Meurer: Und was ist der Unterschied zwischen kurdischem Föderalismus und schiitischem Föderalismus? Othman: Die Kurden haben Anspruch auf Föderalismus, weil sie seit 1991 dabei sind. Es gab eine internationale Anerkennung. Die haben langsam ihre Institutionen gefestigt. Und was die Erwartungen betrifft und internationale Anerkennung, ist alles durch. Aber Schiitische - die wollen sich praktisch jetzt hauptsächlich auch Erdölquellen konzentrieren, meiner Meinung nach, weil die ungefähr neun Provinzen unter einen Föderalismus einschließen möchten. Meurer: Also bedeutet das Ihrer Meinung nach - Entschuldigung, Herr Othman - dass die Schiiten daran Schuld sind, wenn die Sunniten nicht zustimmen? Othman: Ich kann nicht so erklären, sondern es gibt andere politische Unterschiede, dass viele von Sunniten, die jetzt in den Vordergrund gebracht wurden, sind alte Barthisten. Und außerdem ihre Annäherung zum Terrorismus auch einige Sunniten nennen Terrorismus Widerstand, andere, ok, Terrorismus. Aber es ist mehr politische Angelegenheit, als Föderalismusfrage. Meurer: Es gab ja noch andere Punkte, die umstritten waren oder umstritten sind, nämlich zum Beispiel auch die Frage, welche Rolle der Islam in der Verfassung spielen soll. Die Kurden, zu denen Sie gehören, wollen eher eine säkularen, eine weltliche Verfassung. Da hat man aber den Schiiten entgegenkommen müssen. Wie sieht denn jetzt die Regelung aus? Othman: Nein, es ist den Schiiten gelungen, ihren Vorschlag durchzusetzen und jetzt habe ich die Zeitung, die Verfassung ist veröffentlicht worden in Al-Sabah Zeitung. Hier steht, der Islam ist offizielle Staatsreligion und als Hauptquelle für die Legislation. A) es muss kein Gesetz verabschiedet werden, die islamischen Dogma entgegen steht. B) es soll kein Gesetz verabschiedet werden, die mit den Prinzipien der Demokratie im Widerspruch steht. Hier ist der Widerspruch. Also kann man nicht jetzt ein Ausgleich zwischen Religion und Demokratie herstellen. Meiner Meinung nach, es gibt keine Religion in der Welt, der auf demokratischer Basis steht. Meurer: Wird denn Ihrer Meinung nach - Entschuldigung, Herr Othmar - wird denn Ihrer Meinung nach der Irak jetzt zu einem Gottesstaat werden? Othman: Nicht so in Wirklichkeit, wie Sudan oder Iran oder Saudi-Arabien. Es muss ja Liberalität in der Verfassung sein. Und meiner Meinung nach, viele Sachen sind hier verbrieft worden, um den Willen der überwiegenden Mehrheit der Iraker auch darzustellen. Überwiegend sind die Muslime, das ist klar und von Muslimen sind Schiiten. Und die wollen unbedingt, dass der Islam als Staatsreligion verbrieft wird. Und das ist auch ihnen gelungen. Aber das heißt nicht, wird so praktiziert, wie in Sudan, meiner Meinung nach, oder Saudi-Arabia oder Iran. Ich bin optimistisch, ich bin nicht so pessimistisch, dass jetzt man alles schwarz sieht. Nein, da gibt es viele andere Punkte, die man darauf konzentrieren kann, und auf demokratischer Basis auch durchsetzen kann. Der Irak muss ein Beispiel für den Nahen Osten sein, dass ein demokratischer Staat gegründet wurde. Ich sag noch hier, das betone ich auch, wenn dieser Demokratieprozess hier keinen Erfolg hat, das heißt es wird nirgendwo im Nahen Osten Erfolg haben. Meurer: Wenn die Verfassung gelingt, Herr Othman, wenn die Verfassung gelingt, wird dann der Terror nachlassen? Othman: Das ist auch ein Schwerpunkt. Das heißt, es ist eine gewisse Ruhe eingekehrt, eine psychologische Ruhe. Aber das heißt nicht, von heute auf morgen wird Terrorismus abgeschafft. Nein, nein, das ist eine andere Angelegenheit. Und meiner Meinung nach, wird nicht so schnell der Terrorismus ausgerottet, sondern es wird ein paar Jahre dauern. Aber was wir hier im Irak brauchen jetzt ein Bewusstsein, dass eine Zusammenarbeit zwischen der Bevölkerung und der Regierung. Das heißt, dass die Bevölkerung muss jetzt auf Beinen stehen und die Regierung unterstützen, um Terrorismus zu isolieren. Und wir brauchen internationale Hilfe. Und da ist sehr hilfreich, die Alliierten sind mit allen Kräfte hier. Aber viele andere arabische Städte tun nichts, im Gegenteil, unsere Nachbarn unterstützen Terrorismus. Das kann die irakische Regierung oder beziehungsweise die irakische Bevölkerung allein nicht abschaffen oder bekämpfen. Meurer: Das war Mamo Farhan Othman, er war in der Übergangregierung des Irak Minister für den Aufbau der Zivilgesellschaft. Herr Othman, schönen Dank und auf Wiederhören nach Bagdad. © Deutschlandfunk 2005