In der Münchner Innenstadt wird heute ein neues Jüdisches Zentrum eröffnet. Julius Hans Schoeps, Rektor des Moses Mendelssohns Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien an der Uni Potsdam, gegrüßt das Konzept, das explizit eine Öffnung für die nicht-jüdische Gesellschaft vorsieht. Angesichts von 100.000 Juden in den Gemeinden sei es möglich, dass wieder ein deutsches Judentum entstehe.

Heckmann: Bevor am 9. November 1989 die Mauer fiel stand im Nachkriegsdeutschland alljährlich die Erinnerung an ein Ereignis ganz anderer Art im Fordergrund. Am 09. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Reichskristallnacht wurde dieser Tag von den Nazis zynisch genannt, der für viele klar machte, eine Zukunft für Juden wird es in diesem Land nicht mehr geben. Genau 68 Jahr später wird heute in der Münchner Innenstadt ein neues Jüdisches Zentrum eröffnet, das eine Synagoge beheimaten wird, ein jüdisches Museum und ein Gemeindehaus mit Grundschule, Kindergarten und Kulturzentrum. Zum Ort der Begegnung soll dieser Platz werden und dazu beitragen, jüdisches Leben in Deutschland aus dem Hinterhofdasein zu bekommen, so hat es die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch formuliert. Am Telefon ist jetzt Julius Hans Schoeps, Rektor des Moses Mendelssohns Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien an der Uni Potsdam. Schönen guten Tag.

Schoeps: Guten Tag.

Heckmann: Immer wieder, Herr Schoeps, wenn in Deutschland eine jüdische Einrichtung eröffnet wird, wird die Frage gestellt, ob dies ein Zeichen dafür sei, dass sich das Deutsch-Jüdische-Verhältnis normalisiert habe. Für was steht aus Ihrer Sicht diese immer wiederkehrende Frage nach der Normalisierung, die es doch nach dem Holocaust niemals wird geben können?

Schoeps: Also, ich würde nicht von Normalisierung sprechen, aber ich würde davon sprechen, dass Juden in Deutschland wieder leben und ihre Institutionen aufbauen, Gemeindehäuser und Synagogen. Und das was jetzt in München geschieht, ist ein Zeichen für jüdisches Leben in Deutschland.

Heckmann: Charlotte Knobloch sagte bei der Grundsteinlegung, sie sei jetzt ganz in ihrer Heimat angekommen, auch die Juden in Deutschland seien im Herzen der Bürger angekommen. Ist das mehr als eine Hoffnung?

Schoeps: Das ist sicherlich eine Hoffnung. Ich hoffe sehr, dass das auch alles so zutrifft. In jedem Fall ist das so, dass heute wieder, sagen wir mal in Gemeinden mehr als 100.000 Juden gemeldet sind und das ist doch schon etwas.