Heckmann: Die CDU müsse sich von der einen oder anderen Lebenslüge verabschieden, so etwa von der Vorstellung, dass Steuersenkungen allein zu Wirtschaftswachstum und damit zu mehr Arbeitsplätzen führten. Mit dieser Forderung versetzte Jürgen Rüttgers, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, seine Parteifreunde in helle Aufregung. Ein Richtungsstreit, das ist wahrscheinlich das letzte, was sich die Parteioberen derzeit wünschen. Die Umfragewerte für die Union sind ohnehin schon niedrig genug. Heute findet in Berlin ein Kongress statt, der die Debatte um ein neues Grundsatzprogramm der CDU vorantreiben soll. Am Abend trafen sich dazu schon die Vorsitzenden der Kreisverbände.

Am Telefon begrüße ich jetzt den Politikwissenschaftler und Merkel-Biografen Gerd Langguth von der Universität Bonn. Schönen guten Morgen!

Langguth: Guten Morgen, Herr Heckmann!

Heckmann: Herr Langguth, CDU-Generalsekretär Pofalla hat der Partei als Grundlage für die Programmdebatte einen Fragenkatalog vorgelegt. Eine der Fragen ist die nach der Identität der Christdemokraten. Ist denn das Profil, deren Profil schon so verschwommen, dass sie nicht mehr wissen, wofür sie stehen?

Langguth: Es ist ein generelles Problem, dass sich alle beiden Volksparteien ja mit der Integration ihrer Wählerschaft sehr schwer tun und auch die Milieus, die früher klassisch die Wählerschaft gespeist haben, beginnen zu verschwimmen. Man muss ja einfach auch mal, wenn man ausgeht von den Wahlergebnissen, sagen: Früher bei insgesamt 10 von 16 Bundestagswahlen lag die CDU immer bei über 44 Prozent, 1957 sogar bei über 50 Prozent und in den letzten Jahren so zwischen 35 bis 38 Prozent. Das heißt, was ist der Markenkern der Union? Die Frage wird zu Recht gestellt werden müssen, vor allem natürlich in einer Großen Koalition, wo man mit einem anderen Partner sozusagen auf gleicher Augenhöhe etwas zu tun hat. Hier gibt es doch eine große Unruhe an der Basis, weil Frau Merkel, vom Typ her ist sie ja keine tief gegründete Christdemokratin, die schon seit vielen Jahrzehnten die christdemokratische politische Philosophie inhaliert hat, sondern sie wirkt ja auf viele Wählerinnen und Wähler eher pragmatisch und moderierend.

Heckmann: Ein Problem ist ja, Herr Langguth, dass die Union sich in weiten Teilen programmatisch schon modernisiert hat. Auf der einen Seite in der Gesellschaftspolitik ist das Beispiel Elterngeld zu nennen, aber ich verweise im sozial-ökonomischen Bereich auch auf die Leipziger Beschlüsse, die radikalen Reformen, die dort gefordert wurden in der Wirtschaftspolitik. Diese Veränderungen haben aber offenbar mehr Wähler abgeschreckt als gewonnen, oder?