Heuer: Der Atomstreit mit Iran geht also weiter, und in dieser Situation und auch kurz vor dem fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September ist der ehemalige iranische Staatspräsident Chatami auf einer Good-Will-Tour ausgerechnet in den USA. Dort hat der als gemäßigt geltende Politiker zu einem Dialog der Kulturen aufgerufen und die amerikanischen Muslime dazu, sich für Frieden und Sicherheit einzusetzen. Am Telefon begrüße ich Omid Nouripour von den Grünen, er ist als Nachrücker für Joschka Fischer ganz frisch im Bundestag und er ist Besitzer zweier Pässe, des deutschen und des iranischen. Guten Morgen, Herr Nouripour!

Nouripour: Guten Morgen, Frau Heuer!

Heuer: Halten Sie Chatamis Äußerungen vom Wochenende für ein ernst zu nehmendes Gesprächsangebot?

Nouripour: Es ist definitiv ein sehr gutes Angebot, allerdings ein zivilgesellschaftliches. Chatami spielt im Iran in den Machtverhältnissen keine Rolle mehr. Allerdings hat er eine Bühne, eine internationale, die Vereinten Nationen haben ihm eine geboten, er ist ja auch bei ihnen beschäftigt, und er spielt sich jetzt dementsprechend neu wieder zum Akteur, allerdings zivilgesellschaftlicher Art. Das muss man auf der Basis sehr ernst nehmen, auf der kulturellen und auf der Basis einer Botschaft, die sagen will, Iran, das ist nicht nur Ahmadinedschad.

Heuer: Und mit Ahmadinedschad ist diese Mission, sage ich mal, von Chatami in den USA gerade auch nicht abgestimmt aus Ihrer Sicht?

Nouripour: Davon würde ich erst mal definitiv ausgehen. Es gibt eine unglaublich große Heterogenität in den Machtstrukturen der Elite im Iran, und es ist sehr häufig der Fall, dass Ahmadinedschad beispielsweise vorprescht mit Aktionen und mit Initiativen, die nicht einmal mit dem revolutionären Führer vorbesprochen wurden. Dementsprechend kann man davon ausgehen, dass jeder Einzelne dieser iranischen Akteure gerade im Ausland, wo die Kontrolle kleiner ist, eigene Interessen vertritt.

Heuer: Trotzdem äußert sich Chatami ja nicht in einem politisch luftleeren Raum. Er hat das, was er jetzt in den USA gesagt hat, früher schon so formuliert, nämlich zu einem Dialog der Kulturen aufzurufen. Mit welcher Absicht wiederholt er das gerade jetzt?