Thoma: Sogar US-Außenministerin Condoleezza Rice hat ja inzwischen von Waffenruhe gesprochen, die nur noch eine Frage von Tagen sein dürfte. So wie es aussieht, kann es aber wohl noch etwas länger dauern, und die internationale Staatengemeinschaft spricht immer noch nicht mit einer Stimme. Auch in New York konnte man sich im Weltsicherheitsrat nicht auf eine Resolution einigen. Warum aber eigentlich funktioniert diese Krisendiplomatie heute nicht mehr wie vielleicht vor zehn Jahren noch? Helmut Schäfer war von 1987 bis 1998 Staatsminister im Auswärtigen Amt bei den FDP-Außenministern Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel. Und er hat viele schwierige diplomatische Missionen erfolgreich absolviert. Jetzt ist er am Telefon. Guten Morgen, Herr Schäfer!

Schäfer: Guten Morgen!

Thoma: Ja, war Frieden machen vor zehn Jahren vielleicht noch einfacher als heute?

Schäfer: Nein. Es war nicht einfacher. Wir haben ja, wenn Sie sehen, in den vergangenen Jahrzehnten ganz ähnliche Konflikte schon gehabt. Israel ist schon 1982 im Libanon einmarschiert. Damals wurden schon zivile Ziele bombardiert wie jetzt wieder. Damals hat man die PLO verjagt; Hisbollah ist als Folge entstanden. Alle Bemühungen, die Roadmap, die letzte Bemühung, die es eigentlich gibt im Zusammenhang mit der Lösung des Nahost-Konfliktes, das ist die Roadmap, der Versuch, das entscheidende Problem, nämlich das Palästinenserproblem in den Griff zu bekommen und zu einer Lösung zu kommen, die nicht nur nach israelischen Vorstellungen gehen kann, ist wiederum blockiert worden durch die unerträglichen Ereignisse in den letzten Wochen und Monaten. Ich sehe im Augenblick eine ganz schreckliche Entwicklung. Denn selbst wenn es in den nächsten Tagen zu einer diplomatischen Lösung - Frankreich und die Vereinigten Staaten sind ja im Augenblick dabei, eine Resolution vorzubereiten - kommen wird, also wenn man für Israel sozusagen- oder für die Menschen im Libanon, durch die Schaffung einer Zone im Südlibanon - all das hat es ja auch schon gegeben, ohne Erfolg nebenbei bemerkt - kommt, hat man natürlich das Problem in keiner Weise gelöst. Denn das Problem kreist ja nicht um die Frage der Beseitigung der Hisbollah, das ist eine völlig naive Vorstellung. Sondern es geht ja darum, jetzt endlich etwas zu tun, auch Israel zu bewegen, dass in Verhandlungen eine Lösung gefunden wird, die auf zwei Staaten beruht, also die Umsetzung dessen, was wir Roadmap nennen, das kann man nicht einfach als erledigt erklären. Hier geht es also wirklich jetzt um die Frage: Dieser schreckliche Konflikt muss der letzte sein in diesem Zusammenhang, und jetzt müssen wirklich Lösungen gefunden werden, unter Umständen auch mit Druck, sonst kommen wir nicht mehr weiter.

Thoma: Sie sprechen von Druck. Wie könnte denn der Druck aussehen, tatsächlich?

Schäfer: Der Druck könnte so aussehen, dass, was man anderen Staaten gegenüber tut, auch Israel gegenüber tut. Das heißt, zu sagen, wenn sie weiterhin die Genfer Konvention derart massiv verletzen, wie sie das getan haben und im Augenblick in Gaza tun und im Libanon tun - und zwar eben nicht der Kampf gegen die Hisbollah, sondern die Beeinträchtigung der gesamten libanesischen Bevölkerung. Sie müssen sich ja einmal ansehen, was dort geschehen ist, was dort also wirklich an Verheerungen angerichtet worden ist: fast eine Million Menschen auf der Flucht, Hunderte von Leuten tot. Es geht doch nicht um die Frage eines versehentlich, angeblich versehentlichen Angriffes auf ein Hochhaus in Kana, sondern es geht darum, dass hier die Infrastruktur eines Landes zerstört wird. Damit können sie doch auf Dauer, bei allen diplomatischen Lösungen, den Hass gegen dieses Land nicht mindern, sondern er wird weltweit sich fortsetzen. Und die Konflikte sind vorprogrammiert, wenn es jetzt nicht endlich zu einer Lösung kommt.