Heinlein: Aufbruchstimmung in schwieriger Zeit. Trotz Mitgliederschwund: Der DGB-Bundeskongress soll ein Signal setzen. Neuer Wind bei der Einheitsgewerkschaft. Auch personell verordnen sich die Gewerkschaftsbosse eine Frischzellenkur. Nach 16 Jahren an der DGB-Spitze sollte Ursula Engelen-Kefer den Weg frei machen für eine Nachfolgerin. Doch der fein ausgetüftelte Plan ging nicht auf. Das bisherige Aushängeschild gewerkschaftlicher Sozialpolitik räumte nicht kampflos ihr Spitzenamt. Der Supergau für Michael Sommer wurde zwar vermieden, doch statt der gewünschten Aufbruchstimmung zumindest zum Auftakt Konflikte, Nervosität und Zerrissenheit.

Acht Einzelgewerkschaften versammeln sich unter dem Dach des DGB. Eine davon ist die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie und deren Chef Hubertus Schmoldt begrüße ich jetzt am Telefon. Sind Sie froh, dass Ursula Engelen-Kefer nun doch endgültig aufs Altenteil geschickt wird?

Schmoldt: Nein. Frau Engelen-Kefer hat 16 Jahre im DGB Sozialpolitik verantwortet. Das hat sie mit Unterstützung der Gewerkschaften getan. Da hat es nicht in allen Fällen Übereinstimmung gegeben, aber sie hat hohe Verdienste. Insoweit bedauere ich außerordentlich, dass sie dies zum Schluss selbst kaputt gemacht hat. Das wäre nicht nötig gewesen.

Heinlein: Warum durfte sie dann nicht weitermachen?

Schmoldt: Herr Heinlein, weil jeder von uns irgendwann ans Rentenalter kommt und ich glaube die Menschen in unserem Lande hätten sich an den Kopf gefasst, wenn wir gegen die Rente mit 67 Aktivitäten entwickeln und selber jemand wählen, der 67 Jahre alt wird, weil er ja innerhalb der nächsten vier Jahre das Rentenalter erreicht.

Heinlein: Ist das der einzige Grund?

Schmoldt: Das ist zumindest mir der einzig bekannte Grund. Ansonsten wäre sie ja nicht 16 Jahre lang - immerhin sind das vier Wahlperioden - jeweils wieder vorgeschlagen und gewählt worden.