Heinlein: Nicht nur in politischen Parteien oder im Vatikan gilt die Regel "wer zu früh zu heftig mit den Beinen strampelt, um ganz nach vorn zu gelangen, hat seine Zukunft zumeist schon hinter sich". Auch im Zentralrat der Juden ist dies nicht viel anders. Selbst nach Ende des Trauermonats wagt sich keiner der Kandidaten ganz offen aus der Deckung. Dabei ist der Kreis der möglichen Bewerber überschaubar. Chancen haben nur Mitglieder des derzeit siebenköpfigen Präsidiums. Sie machen die Nachfolge unter sich aus. Zwei Namen werden für das schwierige Ehrenamt immer wieder genannt: Charlotte Knobloch, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in München, und Salomon Korn, ihr Amtskollege in Frankfurt.

Heute soll die Entscheidung fallen und dazu jetzt bei mir am Telefon Michael Fürst. Er ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Guten Morgen Herr Fürst!

Fürst: Guten Morgen Herr Heinlein!

Heinlein: Wie wichtig ist die heutige Personalentscheidung für die Juden in Deutschland?

Fürst: Ich würde mal sagen dies ist schon eine wichtige Entscheidung, denn der Vorsitzende beziehungsweise Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hat eine Stellung, die weit über das hinausgeht, was sie im Inneren des Judentums eigentlich bedeutet. Sie ist im Außenbereich doch eine Repräsentationsstelle, die weit über eine übliche gesellschaftliche Position hinausgeht.

Heinlein: Und wie groß sind die Fußstapfen, die Paul Spiegel nun seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin hinterlässt?

Fürst: Wir haben ja nun mehrere Fußstapfen. Das beginnt ja viel, viel früher. Das beginnt in der Zeit von Heinz Galinski und darüber hinaus mit Ignaz Bubis. Ignaz Bubis hat große Fußstapfen hinterlassen und Paul Spiegel war wirklich bemüht, diese Fußstapfen auszufüllen, und hat das auch zu einem großen Teil durchaus schaffen können. Aber wir müssen ja nicht nur an die Fußstapfen denken, die man hinterlässt, sondern wir müssen daran denken, was soll in der Zukunft mit dem Zentralrat passieren, welche Funktionen hat der Zentralrat im gesamtjüdischen Bereich und so weiter. Wir haben, wie Sie schon angedeutet haben, derzeit eigentlich nur zwei Personen, die namentlich genannt werden, Charlotte Knobloch und Salomon Korn. Darüber hinaus bietet sich wirklich nichts anderes an.