Spengler: Schaut man dieser Tage in die Zeitungen, vor allem natürlich in die des Boulevards, dann wird man Zeuge einer einzigartigen Selbstbeweihräucherung. Deutschland feiert sich selbst angesichts des gelungenen Auftakts zur Fußball-WM. Verschwunden sind alle Selbstzweifel. Patriotismus ist gefragt, der neue Patriotismus heißt es, der positive Patriotismus, überall schwarz-rot-goldene Fahnen und Fähnchen. Die "Bild-Zeitung textet "schwarz-rot-geil" und schwärmt vom neuen schönen Nationalgefühl.

Am Telefon ist die Professorin der Europa-Universität Viadrina und Beauftragte der Bundesregierung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Guten Morgen, Gesine Schwan!

Schwan: Guten Morgen!

Spengler: Frau Schwan, heute Abend kommen Klinsmanns Fußballer und treten an gegen Polens Nationalmannschaft. Zunächst vielleicht einmal: Stimmen Sie eigentlich ein in das allgemeine Selbstlob? Liefern wir als Deutsche der Welt eine gute Visitenkarte ab bislang?

Schwan: Selbstlob ist immer etwas Schlechtes. Deswegen stimme ich nicht ein. Aber ich habe mich über das erste Spiel, das ich am Fernsehen verfolgt habe, gefreut. Ich hatte das Gefühl, dass die Stimmung, die Atmosphäre sehr schön war, dass es auch weitgehend ein faires Spiel war und dass es insofern ein gelungener Auftakt war. Ich glaub, das ist immer eine Freude. Wenn man Gastgeber ist und muss einen Auftakt und darf einen Auftakt bieten, dann freut man sich erstens, wenn insgesamt die Atmosphäre gut ist, und natürlich freut man sich dann schon auch, wenn man gewonnen hat. Das ist, glaube ich, ganz normal.

Spengler: Nun haben ja vor allem die Polen im letzten Jahrhundert an den Folgen eines ich will mal sagen übersteigerten deutschen Nationalismus gelitten, eines deutschen Patriotismus. Was werden die denn heute Abend von dem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer halten, so weit Sie sie kennen?

Schwan: Ich glaube, das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer werden die mühelos aushalten. Was sie sicher ärgern wird ist, wenn es zum Beispiel ganz dümmliche Kommentare gibt hinterher, die nicht das Fußballspiel wirklich bestimmen, sondern wenn die auf alten Polen-Witzen herumreiten, wie das neulich passiert ist. Das finde ich einfach daneben. Aber dass Polen auch das Fahnenmeer aushalten und auch aushalten, wenn sie gewonnen haben, dass es gut ist, und wenn sie verloren haben und nicht gut gespielt haben sollten, dass sie das auch verkraften, das glaube ich. Man muss ja sehen, dass Umfragen bis in die gegenwärtige Zeit zeigen, dass die polnische Gesellschaft sich zunehmend positiv gegenüber Deutschland verhält und die Menschen die Deutschen mögen. Früher haben sie sie nur weitgehend geachtet, jetzt mögen sie sie sogar. Also, man soll nicht zu klein von den Polen denken.