Heuer: Die Union ist im Umfragetief, das ist bekannt. So bekannt, dass darüber das Umfragetief in dem die SPD steckt fast übersehen werden könnte. Nicht bei uns und übrigens auch nicht vom Sozialdemokraten Wolfgang Clement. Der frühere Wirtschaftsminister hat jetzt mit seiner Partei abgerechnet. Gerhard Schröder, so Clement im Interview mit der Taz, sei an den Funktionären in der eigenen Partei gescheitert. Es sei nicht gelungen, die SPD vom Reformkurs zu überzeugen. Mit sozialer Kompetenz aber, was immer das sei, seien eben keine Wahlen zu gewinnen. Am Telefon ist Ludwig Stiegler, Stellvertretender SPD-Chef im Bundestag, ein Weggefährte Wolfgang Clements. Guten Morgen.

Stiegler: Schönen guten Morgen.

Heuer: Herr Stiegler, schmerzen Sie Clements Vorwürfe?

Stiegler: Nein, ich kenne die ja lange. Wolfgang Clement ist eben so wie er ist. Er sagt ja mit seiner Aussage zweierlei. Er sagt, er hat die Partei nicht mitgenommen. Aber er sagt auch, er hat die Partei nicht mitgenommen. Und es ist eben in dieser ungestümen Art damals die Reformen anzugehen, nicht gelungen die Menschen zu überzeugen dass Handlungsbedarf ist und welcher ist. Das ist ja eines der Grundprobleme. Wir wissen alle, wir leben in einer sich scharf verändernden Gesellschaft, national wie international, und wie wir das angehen, das bedarf eben einer guten politischen Kommunikation und die ist dem Temperamentsbolzen Wolfgang Clement in seinem Bereich nur sehr schwer gelungen. Ich habe ihm oft gesagt, Du bist wie ein Presslufthammer wenn Du an die Sachen herangehst. Man muss die Dinge eben besser kommunizieren. Und deswegen schmerzt mich seine Kritik nicht, sondern das ist auch ein Stück Selbstkritik.

Heuer: Hat er denn in der Sache recht?

Stiegler: In der Sache hat er sicher zu einem großen Teil recht. Die SPD hat die etwa Agenda 2010 oder Hartz IV oder wie immer man das nennt, nicht als überzeugendes Programm vertreten sondern als erlittenes Programm vertreten. Wir konnten der Gesellschaft nicht vermitteln, dass wir die Handelnden sind. Wir haben eher den Eindruck erweckt, wir sind die Getriebenen. Und vor dem Hintergrund ist natürlich unverkennbar, dass die Zustimmung im Wahlkampf, die Zustimmung in der Partei hier nicht da war und ich weise ja auch jetzt praktisch ständig durch die Gliederungen in der Partei und diese Veränderungen, die setzen der SPD ihre Mitgliedschaft und den Funktionären vor Ort gewaltig zu. Wir haben eine unendlich schwierige Aufgabe vor uns, hier im Rahmen der Programmdiskussion uns auf eine neue Sicht der Lage der Wirtschaft und der Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten zu verständigen. Ich sehe mit teils Vergnügen, teils mit einer gewissen Sorge, dass es der Union in großen Teilen genauso geht.