Heinlein: Sie sind jung, gut ausgebildet und lebten unauffällig in unserer Nachbarschaft. Sowohl die beiden verhinderten mutmaßlichen Bahnattentäter in Deutschland als auch die Mitglieder der aufgedeckten Terrorzelle in London unterschieden sich in vielen Dingen nicht von ihren Kommilitonen oder Arbeitskollegen. Und doch planten sie Terroranschläge, waren sie bereit, Menschen zu töten. Eine fremde Gedankenwelt. Die Wurzel für ihren tätlichen Hass auf die westliche Gesellschaft sind nur schwer nachzuvollziehen. Die Ursachenforschung für die Radikalisierung junger Muslime hat nicht nur in Deutschland gerade erst begonnen. Die Journalistin Souad Mekhennet ist Mitautorin des Buches "Die Kinder des Dschihad", das den Lebensweg junger Muslime in den Terror beschreibt, und sie begrüße ich jetzt am Telefon. Guten Morgen Frau Mekhennet!

Mekhennet: Guten Morgen!

Heinlein: Einzeltäter oder nicht, auch die Motive sind nach wie vor unbekannt. Dennoch die Frage: Sind die beiden mutmaßlichen Bahnattentäter mit ihrer Vita, mit ihrem Lebensweg typisch für die Radikalisierung junger Muslime?

Mekhennet: Man muss natürlich hier in dem Fall zunächst einmal etwas vorsichtiger sein, weil man noch nicht genug Informationen hat. Nach dem was ich weiß - mein letzter Stand ist von gestern Abend - hat sich der erste Festgenommene bis heute nicht eingelassen. Man hofft da viel mehr auf den zweiten Festgenommenen, der jetzt im Libanon ist, aber schon bereits seine Unschuld beteuert. Dennoch, von dem, was man bisher jedoch weiß, dass sie Studenten waren oder zumindest der erste Student gewesen ist und in welchen Kreisen er verkehrt hat, dass auch seine Familie schon im Libanon Kontakt hatte zu einer radikaleren Gruppierung, das sind alles Dinge, Bausteine, die dazu führen, dass Ereignisse wie zum Beispiel die Mohammed-Karikaturen diesen Mann sehr emotionalisiert haben. Wir wissen, dass er im Umfeld seiner Mitstudenten, aber auch auf einer Demonstration gegen diese Karikaturen sehr aufgefallen ist, weil er dagegen sehr heftig auch protestiert hatte. Das ist ein Punkt.

Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass einer seiner Brüder Mitte Juli bei einem Angriff der Israelis ums Leben gekommen ist. Sein Bruder war Soldat in Tripoli am Meer und ist dabei ums Leben gekommen, was natürlich noch mal dazu geführt haben könnte, dass dort ein Schub gekommen ist. Allerdings wissen wir auch, dass diese Bombenplanung schon längere Zeit, bevor sein Bruder getötet wurde, angefangen hat.

Heinlein: Braucht es einen solchen unmittelbaren Anlass, quasi eine Art Funke, damit ein junger Muslim sich radikalisiert und zum Attentäter wird?