Klein: Nicht nur CSU-Chef Stoiber kann sich die Verschiebung vorstellen. Einträchtig bei ihm ist in dieser Frage auch der DGB-Vorsitzende Michael Sommer, der das vor einer Stunde hier im Deutschlandfunk seinerseits angeregt hat. Sind Sie auch seiner Meinung, die Koalition sollte sich mehr Zeit nehmen, als mit heißer Nadel im Schatten der WM womöglich mit Verlaub Murks zu bauen?

Niebel: Wir brauchen eine echte Reform des Gesundheitssystems und alles was ich bisher von dieser vermeintlich großen Koalition höre ist ein Draufsatteln mit frischem Geld im alten System. Wenn dies das Ziel sein sollte, dann sollte man das tatsächlich nicht nur verschieben, sondern am besten ganz lassen. Das geht in die falsche Richtung. Wer glaubt ein Gesundheitssystem, in dem 90 Prozent der Bevölkerung drin sind und das nicht funktioniert wird besser, indem man 100 Prozent der Bevölkerung reinzwingt, der irrt sich. Deswegen braucht man einen anderen, einen dritten Weg, wie wir ihn vorgeschlagen haben.

Klein: Aber dass man mehr und mehr zur Steuerfinanzierung kommen sollte, das wünschen Sie sich doch auch oder nicht?

Niebel: Es ist doch tatsächlich so, dass im System der gesetzlichen Krankenversicherung offenkundig nichts geändert werden soll, außer dass den Bürgerinnen und Bürgern frisches Geld abgenommen wird, das dann in dieses alte System rein kommt. Wir sind der festen Überzeugung, dass das jetzige Gesundheitssystem so nicht zukunftsfähig ist. Deswegen schlagen wir vor, die gesetzlichen Krankenversicherungen in die Freiheit zu entlassen, sie untereinander und mit den Privaten dem Wettbewerb auszusetzen und mit einer Pflicht zur Versicherung für den Bürger, aber auch einer Pflicht für die Versicherung, den Bürger zu einem Regeltarif aufnehmen zu müssen, ein neues System, einen dritten Weg in einem privaten System zu schaffen.

Klein: Die Rede ist jetzt inzwischen von 45 Milliarden Euro, die die Umstellung des Versicherungssystems kosten würde. Das ist ja nichts, was man einfach mal irgendwo so hernimmt oder irgendwo mal einspart und das wäre doch bei Ihnen auch der Fall?

Niebel: Nun ist es tatsächlich so, dass allein ein Mehrwertsteuerpunkt ungefähr acht Milliarden Euro bedeutet. Nachdem Herr Struck am Wochenende ja völlig zu Recht festgestellt hat, dass die Mehrwertsteuererhöhung nicht notwendig gewesen wäre, sondern dass man im System hätte reformieren können, frage ich mich, welche Steuererhöhungen auf die Bürgerinnen und Bürger bei diesen Vorschlägen noch zukommen sollen. Nein, es ist tatsächlich so. Wir brauchen ein neues System im Gesundheitswesen, wo wir Regeltarife mit möglichst vielen privatwirtschaftlichen Elementen, einer Pflicht zur Versicherung und einem Kontrollierungszwang für die Versicherungen anbieten.

Klein: Dazu wird es nach dem, wie es jetzt aussieht, wohl nicht kommen. Die Frage wäre natürlich, ob Sie, in der Regierung handeln könnend, in der Lage gewesen wären, das mit der Union zum Beispiel durchzusetzen. Wie optimistisch sind Sie denn an der Stelle?