Heuer: Angelina Jolie und Angela Merkel, der Sänger Bono und Bill Gates, nur ein paar Namen auf der Gästeliste des Weltwirtschaftsforums in Davos. Seit gestern wird bei dem hochkarätigen Treffen in der Schweiz über die Zukunft der Weltwirtschaft, über Chancen und Risiken, in der globalisierten Welt debattiert. Dieses Jahr unter dem Motto "kreativer Imperativ". Das klingt - Kant lässt grüßen - ein bisschen nach Morallehre und sehr danach, die industriellen Möglichkeiten der Globalisierung auch wirklich ganz auszuschöpfen. Die Eröffnungsrede in Davos hat diesmal die deutsche Bundeskanzlerin gehalten. Hermann Scheer ist SPD-Abgeordneter im Bundestag, Vorsitzender des Weltrates für erneuerbare Energien, Träger des alternativen Nobel-Preises und jetzt am Telefon. Ich möchte mit ihm über die Zukunft Deutschlands in der globalisierten Wirtschaft sprechen. Guten Morgen Herr Scheer!

Scheer: Guten Morgen Frau Heuer!

Heuer: Wir erreichen Sie, Herr Scheer, in Berlin. Wo wären Sie denn jetzt lieber, in Davos oder beim Gegengipfel in Caracas?

Scheer: Ich wäre lieber in Caracas, wenn ich diese Woche Zeit hätte.

Heuer: Wieso?

Scheer: Weil dort die Probleme deutlicher angesprochen werden, und zwar in einer weniger einseitigen Zusammensetzung des Publikums, als es in Davos der Fall ist. Was sich auf dem so genannten Weltwirtschaftsforum immer trifft, ist ja eine sehr einseitige Auslese an Teilnehmern. Meistens zahlt man dort 20 oder 30.000 Euro Teilnehmerbeitrag, um überhaupt teilnehmen zu können. Damit ist von vornherein selektiert, wer dort teilnehmen darf. Es pilgern dort in der Regel seit vielen Jahren sehr einseitig ausgerichtete moderne Wirtschaftsideologen hin, die sich zwar um viele schöne Worte bemühen, jetzt auch mit dem "kreativen Imperativ", aber die sich bisher vor allem dadurch ausgezeichnet haben, dass sie zwar verbal sich zu den Problemen bekennen mit den vorbereiteten organisierten Rednern, aber letztlich zielt alles auf Wettbewerb, Wettbewerb, Wettbewerb, und wenn es noch so ökologisch und sozial in der Praxis ignorant ist. Deswegen ist das Gegenforum, das Weltsozialforum, vor ein paar Jahren gebildet worden und dort wird die Wahrheit ausgesprochen über die Rückseite dieses Glanzes.

Heuer: Herr Scheer, aber wenn die jetzt in Caracas tagenden Globalisierungskritiker die Wahrheit schon kennen, dann wären sie ja in Davos viel besser untergebracht, denn da können sie ja noch eine Botschaft unters Volk bringen und sich mit den Leuten, die dort sind, trefflich streiten. Was wäre denn Ihre Botschaft? Wo liegt der Zukunftsmarkt, die Zukunftschance - lassen Sie uns bei Deutschland bleiben - unseres Landes in der globalisierten Wirtschaft?