Burkhard Birke: Morgen wird die schwarz-rote Koalition 100 Tage in Amt und Würden sein. 100 Tage, diese Frist gilt auch als eine Art Schonfrist, eine Zeit, in der man die Regierung erst einmal agieren und regieren lässt. Wussten Sie eigentlich, dass diese 100-Tage-Frist auf den amerikanischen Präsidenten Roosevelt zurückgeht. Der Demokrat trat sein Amt 1933, zur Zeit der großen Depression, mit einem Programm gegen die Arbeitslosigkeit an, ein Programm, dessen Vorteile nach 100 Tagen erkennbar die Nachteile überwiegen würden. Überwiegen die Vorteile des Programms der großen Koalition in Berlin erkennbar die Nachteile? Diese Frage wollen wir jetzt aus wirtschaftlicher Sicht Ludwig Georg Braun, den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, DIHK, stellen: Herr Braun, wie zufrieden sind Sie denn mit dem Auftakt der schwarz-roten Koalition?

Ludwig Georg Braun: Der Beginn war nicht so schlecht, aber es wird sich erst in den nächsten 300 Tagen erweisen, ob die Reformbaustellen abgearbeitet werden, die dringend abzuarbeiten sind.

Birke: Reformbausteine, Sie haben ja vor der Wahl zügige Reformen am Arbeitsmarkt, in der Steuerpolitik und bei der Sozialversicherung angemahnt. Können Sie denn in der Politik der Regierung in den ersten 100 Tagen schon eine reformerische Handschrift entdecken?

Braun: Ich hoffe, dass der zurzeit herrschende konjunkturelle Rückenwind durch weitere Maßnahmen der Regierung im Verlauf des Jahres 2006 verstärkt wird. Und das gelingt nur, wenn die Unternehmenssteuerreform zumindest in ihren Eckwerten klar vereinbart, dem Unternehmen und den Bürgern unseres Landes klar werden, wenn in der Gesundheitsreform die entsprechenden Schritte eingeleitet sind zu einer nachhaltigen Sanierung und nicht zu einer kurzfristigen Kostenminderung und wenn der Bürokratieabbau begonnen wird und gleichzeitig auf dem Arbeitsmarkt Reformen eingeführt werden.

Birke: Sie haben einige wichtige Stichpunkte genannt: Unternehmenssteuerreform. Meinen Sie damit in erster Linie auch die Vereinheitlichung zwischen Personen und Kapitalgesellschaften?

Braun: Das könnte einer der Aspekte sein. Der wichtige Punkt aber muss sein, dass sie wesentlich einfacher wird, dass man nicht durch einen Dschungel von Paragraphen sich hindurcharbeiten muss und die Übersicht dabei verliert und es lediglich noch Fachleuten überlassen kann, sondern der wichtige Punkt ist darüber hinaus, dass die Gemeinden ebenfalls auf eine solide Basis gestellt werden in ihrem Einkommen oder in ihrem stabilen Steuereinkommen, die Gewerbesteuer reformiert wird. All dieses sind Aspekte, die mit eingebunden werden müssen und deshalb gehören sowohl die Gemeinden, die Länder, als auch der Bund in die Diskussion um die Unternehmenssteuerreform integriert.

Birke: Welcher Steuersatz schwebt ihnen denn vor als Maximalbelastung?