Remme: Es hat ein bisschen gedauert, aber inzwischen gibt es die Ergebnisse der Obduktion des Leichnams von Slobodan Milosevic und das UN-Kriegsverbrechertribunal hat sich in dieser Angelegenheit gestern Abend zu Wort gemeldet: Todesursache Herzinfarkt. Am Telefon begrüße ich den deutschen Richter am UN-Kriegsverbrechertribunal Wolfgang Schomburg, ich grüße Sie.

Schomburg: Guten Morgen.

Remme: Herr Schomburg, ist das Tribunal durch Mordvorwürfe aus Serbien verwundbar?

Schomburg: Nein, ich denke, jetzt ist Zeit, auch am Tribunal einen Augenblick inne zu halten. Auf der einen Seite ist ein Mensch gestorben, auf der anderen Seite ist ein langes Verfahren vier Jahre lang nicht zu Ende gekommen, es konnte keine Gerechtigkeit gesprochen werden. Aber das Tribunal wird weiter seinen Gang nehmen und auch in diesem Zusammenhang die Wahrheit weiter suchen.

Remme: Für die Chefanklägerin Carla del Ponte, ist dieser Tod eine "komplette Niederlage". Für Sie als Richter auch?

Schomburg: Nein, es geht in dem Gesamtzusammenhang darum, im Balkan Frieden zu stiften und ich darf daran erinnern, was Kofi Annan uns als Auftrag mitgegeben hat, dass man Frieden nur mit Gerechtigkeit und Gerechtigkeit nur mit Wahrheit finden kann. Der Wahrheitsfindungsprozess, die vier Jahre, die das Verfahren gedauert hat, waren auf keinen Fall umsonst. Viele Zeugen konnten sich äußern. Es sind Dinge ans Licht gekommen, die ohne das Verfahren nicht gehört worden wären. Und des weiteren: Es laufen ja sechs Verfahren gegen auch hochrangige Militärs und politische Verantwortliche, die weitergeführt werden müssen. Von daher ist es natürlich sehr schlimm, dass diese Sache so zu Ende gegangen ist. Auf der anderen Seite, die Aufarbeitung und dieser Prozess der Befriedung des Balkan muss weitergehen und kann weitergehen mit Mitteln des Rechts.

Remme: Zu Beginn des Verfahrens gegen Slobodan Milosevic da sprach man unabhängig von der Person des Angeklagten fast von einer neuen Phase internationaler Rechtsprechung. Was bleibt davon ohne Urteil?