Heckmann: Nach vorne gedrängelt hatte sich niemand innerhalb der EU, als die UNO um Hilfe bat bei der Absicherung der ersten freien Wahlen in der demokratischen Republik Kongo Mitte Juni. Alles schien sich darauf zu verlassen, dass schon ein anderes Land die Führung übernehmen würde. Auch Bundesverteidigungsminister Jung machte da keine Ausnahme. Zwar stellte er eine Beteiligung der Bundeswehr in Aussicht; die Führung aber müssten andere übernehmen. Das war der Stand noch vor wenigen Tagen. Nun sieht die Sache allerdings anders aus. In Berlin kommen heute Vertreter derjenigen Länder zusammen, die sich bereit erklärt haben, Truppen zu entsenden. Sollte eine ausreichende Zahl an Soldaten zusammen kommen, dürfte das Bundeskabinett auch dem Einsatz von 500 deutschen Soldaten zustimmen, Führungsrolle inklusive. Allerdings mehren sich in den Fraktionen die skeptischen Stimmen. - Am Telefon begrüße ich nun Bernhard Gertz, den Vorsitzenden des deutschen Bundeswehrverbandes. Guten Morgen!

Gertz: Guten Morgen!

Heckmann: Herr Gertz, Sie haben sich gegen den Einsatz ausgesprochen. Weshalb?

Gertz: Im Wesentlichen deshalb, weil mir die politische Sinnhaftigkeit, der politische Zweck des Einsatzes wirklich fehlt. Es wird geltend gemacht, es gehe darum, die freien Wahlen im Kongo zu unterstützen, die ersten freien Wahlen, aber wenn man hinschaut und sich genau vor Augen hält was passiert, dann sollen etwa 1500 Soldaten beschränkt auf den Raum Kinshasa, auf den Raum der Hauptstadt, stationiert werden. Das Land aber, das sechsmal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland und in dem ohnehin schon 17.000 MONUC-Soldaten stehen unter UN-Mandat, wird im Grunde sich selbst überlassen bleiben. Das heißt eine wirkliche Absicherung von freien Wahlen kann das gar nicht sein.

Heckmann: Das heißt Sie plädieren dafür, mehr Soldaten zu schicken?

Gertz: Nein, ganz und gar nicht! Ich plädiere dafür, dass wir uns als Europäer darüber im Klaren werden, was wir eigentlich in Afrika zu tun haben. Wir haben ganz sicher eine gemeinschaftliche Verpflichtung, für Stabilität in Afrika zu sorgen, denn wenn wir das nicht tun, dann gibt es Migrationsströme ohne Ende. Dann gibt es auch staatsfreie Räume, in denen Terrorismus gedeihen kann. Deswegen liegt es in unserem gemeinsamen Sicherheitsinteresse, in Afrika zur Stabilisierung beizutragen.

Nur die Art und Weise, wie man das macht, ist nicht die richtige, wenn man hier und da sektoral in einer Art militärisch-politischem Aktionismus Soldaten stationiert, sondern man muss endlich die europäische Afrika-Strategie, die es angeblich gibt, auch tatsächlich umsetzen, und muss auf europäischer Ebene wirksam die europäischen Kräfte bündeln, muss koordinieren, muss die Unterstützungsleistung für die afrikanischen Staaten, die in der Lage sind, selber mittelfristig wesentliche Beiträge zur Befriedung Afrikas zu bringen, dann wirklich konzentriert gemeinsam fördern im Wege von Hilfe zur Selbsthilfe. All das fehlt heute. Bislang operieren die Europäer unabhängig voneinander unkoordiniert, folgen ihren eigentlichen vermeintlichen oder tatsächlichen Interessen. Es fehlt insgesamt eine wirklich nachhaltige Förderung afrikanischer Stabilisierung. Da verdeckt eine solche Aktion wie die im Kongo eigentlich das, was zu tun ist, statt weiterzuhelfen.