Engels: Gestern rief Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ein Bündnis für Erziehung aus. Gemeinsam mit Vertretern der beiden großen christlichen Kirchen beriet sie über Möglichkeiten, Kindern wieder eine stärker werteorientierte Erziehung zu vermitteln. Kritiker aus muslimischen und jüdischen Organisationen bemängelten, nicht eingeladen worden zu sein. Und auch Erziehungsverbände und die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft äußerten Unverständnis über das Treffen der Ministerin allein mit den Kirchenvertretern. Von der Leyen selbst verteidigte ihre Entscheidung. Die großen Kirchen stellten nun einmal einen großen Teil der Kindertagesstätten in freier Trägerschaft. In einem zweiten Schritt, so die Ministerin, sollten zudem andere Gruppen hinzugezogen werden. Die CDU-Politikerin betonte aber auch -Zitat-, "unsere gesamte Kultur gründet sich auf die christliche Kultur".
- Am Telefon ist nun Nicolette Kressl. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und zuständig unter anderem für die Bereiche Familie, Jugend, Bildung und Forschung. Finden Sie denn diesen Fokus auf christliche Werte, den Frau von der Leyen da gestern gezogen hat, in dem Bündnis für Erziehung gelungen?

Kressl: Den Fokus auf Werte wie Respekt, Achtung der Menschenwürde und Vertrauen halte ich für ganz wichtig. Aber Ziel des Bündnisses muss es natürlich sein, Eltern in ihrer Erziehungsarbeit zu unterstützen und das in alle gesellschaftlichen Gruppen zu tragen. Dabei muss schon deutlich werden, dass diese Werte eben nicht nur von den christlichen Kirchen getragen werden. Deshalb muss das Kind "Bündnis für Erziehung" auf wesentlich breitere Beine gestellt werden.

Engels: Waren sie als SPD denn in die Vorbereitung dieses Bündnisses schon einbezogen?

Kressl: Wir haben das Ziel, diese Erziehungsfähigkeit zu unterstützen von Eltern, im Koalitionsvertrag vereinbart, aber in die konkreten Vorbereitungen waren die Fraktionen insgesamt nicht einbezogen.

Engels: Das heißt also diese Verengung auf christliche Werte, die jetzt einige bemängeln, das stößt durchaus auch auf Ihre Kritik?

Kressl: Ich halte es nicht für so problematisch, dass wir sagen müssen, das Bündnis sei jetzt schon gescheitert, aber ich bin davon überzeugt, dass es wie gesagt sehr schnell auf breitere Beine gestellt werden muss, weil wir ja, wenn wir über Integrationsdefizite bei uns sprechen, sehen müssen, dass es eben nicht nur mit den christlichen Kirchen gelingen kann, diese Defizite aufzuheben.

Engels: Frau von der Leyen hat aber angekündigt, erst im Herbst möglicherweise weitere Gruppen hinzuziehen zu wollen, dabei möglicherweise auch muslimische Verbände. Ist das die richtige Reihenfolge oder kommt das dann zu spät?