Heinlein: Sie gilt als die größte Aids-Konferenz aller Zeiten, 24.000 Delegierte aus aller Welt sprechen bis Ende dieser Woche in Toronto über den Kampf gegen die tödliche Immunschwächekrankheit. Dieser Kampf ist nach wie vor nicht gewonnen. Trotz erheblicher Erfolge bei der Entwicklung von Medikamenten bleibt der HIV-Virus eine Bedrohung für die Menschheit. Ein Impfstoff ist nach wie vor Wunschdenken. Fast drei Millionen Menschen starben im vergangenen Jahr an Aids, vor allem in Asien und Afrika steigt auch die Zahl der Neuinfektionen. Armut und Unwissen sind hier die entscheidenden Faktoren, Aufklärung und Behandlung sind weiterhin mangelhaft. Eins der Themen in Toronto, und dort begrüße ich jetzt den Geschäftsführer der Deutschen Aids-Stiftung, Ulrich Heide. Guten Abend, beziehungsweise guten Morgen nach Toronto!

Heide: Guten Morgen Herr Heinlein!

Heinlein: Ist das Geld sinnvoll angelegt für eine solche große, für solch eine teuere Mammutkonferenz?

Heide: Ja, ich denke das Geld ist sinnvoll angelegt. Die Konferenzen waren immer wichtige Impulse für neue Arbeitsansätze, aber auch für die Wahrnehmung des Themas in der Öffentlichkeit. Besonders bemerkenswert finde ich die Dinge, die von der Konferenz vor sechs Jahren in Durban, der ersten auf dem afrikanischen Kontinent ausgegangen sind. Ich glaube, dass es ohne die Konferenz in Durban beispielsweise den "Global Fund to fight AIDS, Tuberculosis and Malaria" nicht gegeben hätte. Ich glaube, die Aufmerksamkeit die das Thema HIV und Aids in Afrika erfährt, wäre ohne diese Konferenz nicht möglich gewesen. Wir brauchen die Konferenzen aber auch, um dem Thema weltweit, also dem Thema HIV und Aids weltweit die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die das Thema braucht, die das Thema angesichts der Dramatik der Situation verdient, die es aber keineswegs überall und vor allem nicht immer hat.

Heinlein: Warum ist die Aufmerksamkeit für Aids, wie Sie sagen, in den vergangenen Jahren zurückgegangen? Es braucht diese Konferenz, um Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Heide: Die Situation ist sicherlich in unterschiedlichen Teilen der Welt auch unterschiedlich zu beurteilen. In Europa hat die Aufmerksamkeit um HIV und Aids nachgelassen, weil bei uns nicht die Katastrophe eingetreten ist, die Mitte und Ende der 1980er Jahre auch für Deutschland, auch für Europa erwartetet wurde. Wir haben glücklicherweise dank guter Aufarbeitung, dank guter Präventionsarbeit niedrigere Infektionsraten, und wir haben in den reichen Ländern seit zehn Jahren Behandlungsmöglichkeiten für Menschen, die an AIDS erkrankt sind. Ich betone Behandlungsmöglichkeiten, das heißt Lebensverlängerung, auch Verbesserung der Lebensqualität. Was wir nicht haben, ist eine Heilung.