Heckmann: Erstmals seit Jahren zeigen die Wirtschaftsdaten wieder nach oben. Die Arbeitslosigkeit nimmt ab, die Steuern sprudeln. Und dennoch befinden sich die beiden Partner der Großen Koalition im Stimmungstief. Die Bürger sind so unzufrieden mit Union und SPD wie zum Ende von Rot-Grün. Das will die Koalition nun ändern und hat sich vorgenommen, nach der Sommerpause die anliegenden Reformen anzupacken. Das kündigten Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Müntefering gestern nach einer Klausurtagung des Kabinetts an.

Am Telefon ist jetzt der Vizekanzler, Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering. Schönen guten Morgen!

Müntefering: Guten Morgen, Herr Heckmann!

Heckmann: Herr Müntefering, Sie meinten gestern, es sei unfair, dass Union und SPD an ihren Wahlkampfaussagen gemessen würden, da ja niemand hätte ahnen können, dass es notwendig sein würde, eine Große Koalition zu bilden. Sind Ihnen die Ergebnisse der Koalition jetzt doch mittlerweile peinlich?

Müntefering: Nein, überhaupt nicht, aber man muss doch sehen, bei dem Wahlergebnis am 18. 9. letzten Jahres haben beide Konzeptionen sich nicht durchsetzen können. Rot-Grün hatte keine Mehrheit mehr, aber Schwarz-Gelb hat auch keine bekommen. Daraus ist eine Große Koalition entstanden, und da kann man natürlich gegen sein. Nur wenn man meint, dass diese Koalition sinnvoll ist - und das glauben wir -, dann muss man wissen: Die Koalition kann nur das tun, was sie gemeinsam vereinbaren kann. Das ist ein Kompromiss, der in unserem Koalitionsvertrag steht.

Ich glaube, dass der Kompromiss gut ist. Deshalb habe ich gesagt: Alle diejenigen, die jetzt so tun, als ob wir oder ob der Koalitionspartner mal eben frei machen könnte, was im Wahlkampf gesagt worden ist, der irrt sich. Der muss sehen, da war zwischendurch eine Wahl.