Remme: Papst Benedikt XVI. setzt heute seinen Besuch in Bayern fort. Das minuziös geplante Programm führt ihn heute nach Altötting und zu seinem Geburtsort Marktl am Inn. In seiner gestrigen Predigt thematisierte der Papst das Verhältnis der Religionen zueinander und den Platz der Religion in einer säkularisierten Welt, eine durchaus politische Predigt einen Tag vor dem heutigen Jahrestag des 11. September. Nach dem Terror in New York zeigten sich tiefe Risse zwischen der arabischen und der westlichen Welt. Nicht nur in den USA steht allzu oft der Islam am Pranger und viele warnen vor falscher Toleranz. - Am Telefon bin ich nun verbunden mit dem katholischen Theologen Hans Küng. Seine Stiftung Weltethos beschäftigt sich mit eben diesem Dialog zwischen den Religionen und sein Buch "Der Islam" ist vor zwei Jahren erschienen. Guten Morgen Herr Küng!

Küng: Guten Morgen Herr Remme!

Remme: Herr Küng, alle wissen wo sie waren, als die Flugzeuge ins World Trade Center einschlugen. Wie haben Sie den 11. September erlebt?

Küng: Ich war unmittelbar vorher in Katar am Golf in einer kleinen Gruppe von Kofi Annan zusammengerufen, um über das neue Paradigma von Weltpolitik zu diskutieren. Ich saß hier am Schreibtisch, wo ich jetzt sitze, und mir wurde das reingerufen, ich solle das Fernsehen einschalten. Ich habe noch gesehen, wie das zweite Flugzeug in das World Trade Center stürzte, eine wahnsinnige Katastrophe.

Remme: Haben Sie die Auswirkungen dieser Anschläge für die kommenden Jahre sofort begriffen?

Küng: Nein. Ich habe vor allem nicht gedacht, dass man auf so kontraproduktive Weise von Amerika reagieren würde, denn man hätte das ja auch ganz anders auffassen können. Man hätte Ursachen erforschen können. Man hätte ein Umdenken einleiten können. Man hat ja damals nicht irgendein christliches Zentrum angegriffen, sondern die Zentren der amerikanischen wirtschaftlichen Macht in New York und der militärischen Macht. Man hätte nicht einfach militärisch reagieren können, dürfen. Ich habe nicht erwartet, dass Bush einen Krieg ausruft.